Multikulturenstaat Schweiz

Der gestiefelte Kater @, Dienstag, 29.11.2022, 10:43 vor 66 Tagen 2719 Views

Bin gerade beruflich in der Schweiz. Auf die Frage, ob in diesem viersprachigen Land die Leute im Schnitt wenigstens zweisprachig sind, kommt vom älteren Gesprächspartner ein deutliches Nein. Man fährt im Jura ins nächste Dorf und plitzplotz ist alles durch und durch französischsprachig. Gerade Glück, wenn die Frau beim Bäcker noch ein gebrochenes Deutsch stammeln kann und umgekehrt, der Deutschschweizer ein paar Fetzen Französisch auf die Reihe bekommt. Richtung Tessin das Gleiche, einmal über'm Berg und schon ist man wie in einem anderen Land (abgesehen von den Markenlabels und der Nationalflagge).

Was das zeigt? Den gigantischen Egoismus des modernen Menschen, ohne Interesse nicht einmal für seine direkten Nachbarn.

Und derweil lernen die Kinder z.T. ab der 1. Klasse Französisch in den Schulen. Nach 9 Jahren können die nicht einmal französische Namen richtig aussprechen, das übliche Sprachniveau nach Schulabgang, allerdings in einem mehrsprachigen Land! Die könnten sich in den Zug setzen zum Schüleraustausch ohne Landes- und Ticketgrenzen überwinden zu müssen, aber der Tenor ist deutlich: Man hat kein Interesse.

So gesehen ist der multikulturelle Staat Schweiz menschlich gescheitert, denn Multikulti macht nur Sinn mit:
a) Bewahren der eigenen Kultur
b) Austausch mit anderen Kulturen und gegenseitigem Profitieren von der Vielfalt

Multikulti scheitert in erster Linie am Egoismus und erst in zweiter Linie daran, dass die Menschen ihre jeweilige Kultur freiwillig aufgeben. Man würde ja schon noch kulturell einzigartige Menschen finden, wenn man Interesse hätte, sie aufzusuchen, und sei es nur in der fremden Sprache.

Demgegenüber scheinen mir Osteuropäer übrigens im Schnitt sprachlich gebildeter und auch kulturell interessierter als der Durchschnittsschweizer und -deutsche. Kann das sein?

Die Landbevölkerung hat meist kein Interesse/Zeit für 'fremde' Sprachen, meine Erfahrung aus der fr. Schweiz, Galizien, Rumänien, Kroatien KT

Joe68 @, Dienstag, 29.11.2022, 11:05 vor 66 Tagen @ Der gestiefelte Kater 1629 Views

Multikulti in der Schweiz versus Ost-Europa .. [edit]

Beo2 @, NRW Witten, Dienstag, 29.11.2022, 11:15 vor 66 Tagen @ Der gestiefelte Kater 1825 Views

bearbeitet von Beo2, Dienstag, 29.11.2022, 11:34

So gesehen ist der multikulturelle Staat Schweiz menschlich gescheitert, denn Multikulti macht nur Sinn mit:
a) Bewahren der eigenen Kultur
b) Austausch mit anderen Kulturen und gegenseitigem Profitieren von der Vielfalt

Das sehe ich anders: Die großen ethnischen Gruppen in der Schweiz haben sich ihre jeweilige Kultur (Sprache, Traditionen, Sitten & Bräuche) weitgehend bewahrt, noch. Dies ist, meiner Meinung nach, nicht zuletzt der dezentralen (lokalen) Direkten Demokratie zu verdanken.
Die Schweizer verstanden sehr viel von Demokratie und "rechter Art" der multi-kulturellen Integration. Allerdings waren und sind die traditionellen Volksgruppen in der Schweiz kulturell nicht weit voneinander entfernt .. siehe das Christentum. Wie lange noch?

Demgegenüber scheinen mir Osteuropäer übrigens im Schnitt sprachlich gebildeter und auch kulturell interessierter als der Durchschnittsschweizer und -deutsche. Kann das sein?

Das kann ich bestätigen - habe dort nämlich meine biologisch-familiären Wurzeln. Das war einstig so, nämlich in den 1980er bis 00er Jahren. Was Du davon heute noch sehen kannst, ist der schwindende Rest davon.
Der ehemalige Ostblock wurde sehr erfolgreich "kapitalisiert und entkulturisiert" .. ausgenommen Russland und Weissrussland.

Mit Gruß, Beo2

Multikulti? Falsches Narrativ. Die Schweiz ist ein Beispiel für das friedliche Nebeneinander leben von verschiedenen, selbstständig in dem Land gewachsenen Kulturen.

sprit @, Dienstag, 29.11.2022, 12:36 vor 65 Tagen @ Der gestiefelte Kater 1349 Views

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Andere Erfahrungen mit Mehrsprachigkeit in verschiedenen Ländern

Ankawor @, Dienstag, 29.11.2022, 12:40 vor 65 Tagen @ Der gestiefelte Kater 1683 Views

Hallo Kater,

Südtirol: Ich kann DE und IT und habe dort festgestellt, dass die Leute je nach Gesprächspartner sehr geschmeidig zwischen den beiden Sprachen wechseln, wobei man am Rande unaufmerksam zuhörend vom Tonfall kaum sagen kann, ob des Deutsch oder Italienisch ist.

Spanien: Mir fiel dort vor Jahren auf, dass sich das mir damals unbekannte "Spanisch" ganz verschieden anhören kann. Auf Nachfrage erfuhr ich, dass, dass es sich um die beiden Sprachen Kastilisch und Katalanisch handelt. Die meisten könnten beide Sprachen (im Raum Barcelona), aber mit einer bestimmten Person spräche man immer nur eine Sprache und wechsele nicht. Bei meinen aktuellen Reisen erfuhr ich dann über weitere Sprachen in Spanien: Baskisch, Galicisch, Asturleonesisch, Aragonesisch und Aranesisch. In Galicien erzählte mir jemand was auf Galicisch, was ich nicht kapierte, und wechselte dann auf "Spanisch", wo ich wenigstens den Sinn erkennen konnte.

Australien: Es gab rund 250 Aboriginal-Sprachen. Ein befreundeter Ältester sagte mir, dass es vollkommen üblich ist, dass die Aboriginals mehrere ihrer Sprachen sprechen bzw. sprachen.

Portugal: Vor meiner ersten Reise dorthin begann ich, die Sprache zu lernen, aber ich brauchte sie nicht. Praktisch überall im öffentlichen Leben geht es mit Englisch, und zwar sehr gut. Der Grund sei, so wurde mir erzählt, dass viele Filme nicht synchronisiert werden und die Portugiesen von Kind auf englische Filme gucken und die Sprache daher so gut können. In der Einsamkeit in den Bergen gab es jedoch ältere Leute, die kein Englisch konnten. Mit denen habe ich Italienisch gesprochen, was sie einigermaßen verstanden, und mit einigen Wiederholungen kapierte ich auch ihre Antworten. Darüber haben sie sich echt gefreut.

Fazit: Das Scheitern, das du zur Schweiz nennst, kann ich aus anderen Ländern im Hinblick auf die Sprache nicht bestätigen.

Und zum Multikulti: Ich habe viele Jahre in Sydney gelebt, das den Ruf einer Multikulti-Stadt hat. Dem ist nicht so. In dem einen Stadtteil wohnen Vietnamesen, im anderen Araber, im anderen Japaner, im anderen Russen. Die haben nichts miteinander zu tun und wollen es auch nicht. Englisch ist auch nicht nötig, da in jeder Behörde Infoschriften in allen möglichen Sprachen ausliegen (Deutsch ist nicht dabei) und man jederzeit einen Dolmetscher anfordern kann.

MFG

Ankawor

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Alle werden mehr und alles wird weniger.

Gäste haben auch eine Bringschuld: Warum sprichst du denn z.B. kein Französisch???

Reffke @, Dienstag, 29.11.2022, 14:30 vor 65 Tagen @ Der gestiefelte Kater 1350 Views

Hallo,

Gäste haben auch eine Bringschuld: Warum sprichst du denn z.B. kein Französisch???
Historische (Sprach-)Grenzen haben Sinn und schützen die Idendität der Volksgruppen.
Je nach Talent und (Bildungs-)Stand sind die Allermeisten zweisprachig plus Dialekt!

Sehr gut im Video von Frei.Wild: Eine Band aus Süd-Tirol, heute Italien!
Frei.Wild - Wahre Werte [Video vom Album GEGENGIFT]
https://youtu.be/Ki_D9JjmdzE

LG Reffke

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Die Lüge ist wahrer als die Wahrheit, weil die Wahrheit so verlogen ist. André Heller
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==> Fundgrube zur Lage: www.paulcraigroberts.org

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