Wahlberichte zur Bundestagswahl 2017

Mortimer @, Sonntag, 24.09.2017, 16:02 vor 2341 Tagen 3294 Views

Geehrtes Gelbes,
ich möchte einen (nach Intention nicht reißerischen) Bericht über den Verlauf meiner Wahl abgeben. Vielleicht machen andere mit und wir können auf diesem Weg einen Überblick darüber bekommen, wie die Wahl an unterschiedlichen Orten abgelaufen ist. Zusätzlich gebe ich noch einen kurzen Kommentar über die allgemeine Stimmung meines beobachteten Umfeldes ab und eine Meinung von mir selbst.

Ich bin:
Erstwähler, ca. 20, Azubi und Berichte aus einem Wahlbezirk im Norden Deutschlands.

Wahlbenachrichtigung und Informationspolitik:

Eine Wahlbenachrichtigung habe ich (und alle Wahlberechtigten im selben Haushalt) nicht erhalten. Die Auskunft über den Eintrag im Wählerverzeichnis konnte ich nach mehreren Telefonaten wenige Tage vor der Wahl bestätigen lassen. Die Webseite des Rathauses bat wenige Tage vor der Wahl eine zusätzliche Hotline an, da vielen keine Wahlbenachrichtigung zugestellt wurde. Nach Aussage eines Mitarbeiters des Rathauses handelt es sich wahrscheinlich um die Hälfte der Wahlberechtigten.

Die Adresse des Wahllokales war für mich per Internetrecherche nicht auszumachen. Sämtliche Wahlinformationen welche auf der Rathausseite zur Verfügung standen wurden heute am Tag der Wahl, oder schon gestern offline genommen (sind noch im Google-cache auffindbar). Auch dort gibt es jedoch keine Wahllokal-Adresse. Verfügbar ist auf der Rathaus-Seite jetzt nur noch ein Platzhalter für die kommenden Ergebnisse der Wahl. Im Rathaus wurde Ich augenrollend begegnet als ich mich über den Ort des Wahllokals informieren wollte. Man hielt mich offenbar für unorganisiert und dumm, als ich sofort anmerkte, dass ich im Wählerverzeichnis stünde und auch die Nummern zur schnellen Auffindbarkeit dabeihätte (mich also schon informiert und eingebracht hätte) begegnete man mir gleich viel freundlicher.

Abgabe der Stimme(n):
Das Wahllokal selbst liegt fußläufig gut erreichbar und bietet ausreichend Parkmöglichkeiten. Eine Wartezeit gab es nicht. Die Anmerkung im Wahllokal, das keine Wahlbenachrichtigung erhalten wurde überraschte niemanden. Es gab einen kurzen Kommentar der Wahlhelfer darüber, dass wirklich viele Leute keine Benachrichtigung erhalten haben. Einen Wahlbeobachter konnte ich nicht ausmachen, weiß aber auch nicht, wer von den (4) dort sitzenden Wahlhelfern vielleicht nur Beobachter war.

Ausgelegen zum Ankreuzen haben rote Buntstifte, es war in den „Wahlkabinen“ (Pappsichtschutz) außerordentlich dunkel, ich habe es trotz guter Sehstärke als schwierig empfunden den Text zu lesen. Für mich war es jedoch unproblematisch die Parteikürzel zum Ankreuzen auszumachen. Einer Person über 60 oder generell mit schlechtem Augenlicht wäre dies vielleicht nicht möglich gewesen. Zugegebenermaßen sind die anderen „Kabinen“ besser (wenn auch nicht gut) beleuchtet gewesen. Die Wahlurne ist zwar nicht überpräsent, aber öffentlich für jeden überwachbar platziert gewesen.

Informationen über Politische Äußerungen und Stimmung im pers. Umfeld:
Generell, viel Unentschlossenheit. Die vor Monaten noch im Raum stehende starke Abneigung der AFD gegenüber gab es nicht mehr, auch wenn keiner sich (direkt) positiv für die Alternative ausgesprochen hat. Mein Kommentar auf der Arbeit, dass ich mich als Erstwähler nicht mit den Altparteien Identifizieren kann wurde nicht als Rechtsradikal ausgelegt und traf auf Verständnis. Andere brachten sich mit ein und bemängelten den „Einheitsbrei“.

Auf sehr große Zustimmung traf der Kommentar, dass es schon schwer wäre aus wenigen zufälligen Personen Individuen zu finden die in etwas Übereinstimmen, das jedoch die etablierten Parteien, welche für die Meinungen dieser unterschiedlichsten Leute einstehen sollten, so ziemlich alle dieselbe Meinung haben. „Eine Repräsentation (des Wählers) findet nicht statt“
„Die Meinungsmaschine“ der Medien, die Anfeindung der anderen Parteien/Politiker der AFD gegenüber und die Aussage lieber nicht zu wählen als AFD zu wählen, sind auf extreme Kritik gestoßen und wurden als „Unterdrückung der Demokratie“ gesehen. Man gehe von einem Prozentsatz der AFD zwischen 10-20% aus und wähle hauptsächlich FDP und die Linke. Aus Kreisen der Berufsschule, werde hauptsächlich die Partei gewählt.

Meine Meinung:
Es besteht ein Vakuum (trotz Nachfrage) nach einer neuen „Mitte-Partei“, die Hauptsächlich deutsche Interessen vertritt und für finanzielle und generelle Sicherheit einsteht. Eine Partei mit konkreten Aussagen zu Bildung, Gesundheit und Lebenssicherung. Man möchte Ergebnisse und das sich „etwas tut“.
Der Wind in den Segeln der AFD ist der einer müde gewordenen politischen Mitte und einem taktischen Wählverhalten derer, die das Tun, was einer großen Koalition am ehesten entgegensteht. Es besteht auch ein starker Wunsch danach, nicht noch eine Legislaturperiode mit Merkel zu erleben, auch wenn Schulz in dem Zusammenhang nicht unmittelbar als alternative gesehen wird.

Ich bin noch recht jung und befinde mich in einem Umfeld von gehobenem Interesse am Weltgeschehen, kenne aber keine Zeit, in der Bürger so viel Zeit und Energie damit aufgebracht haben sich zu Informieren. Dokumentationen, alternative Medien, Themen-Foren und weitere stehen im Mittelpunkt.
Es sind vor allem die älteren die die Schnauze voll haben, die jüngeren die sich nicht in der Politik wiederfinden, die armen die sich unterdrückt fühlen und der Mittelstand der darum bangt, dass Deutschland von anderen Ländern eingeholt wird…

Großer Andrang im Wahllokal

gwg ⌂ @, Metropole OWLs, Sonntag, 24.09.2017, 19:02 vor 2341 Tagen @ Mortimer 1810 Views

bearbeitet von unbekannt, Sonntag, 24.09.2017, 19:20

Großer Andrang im Wahllokal (12:45 Uhr), es bildete sich eine Warteschlange. Ich kann mich nicht erinnern, wann ich das das letzte Mal erlebt habe. Es war eine Kontrollperson anwesend, welche alle Vorgänge überprüfte. (Bei der Landtagswahl mußte in diesem Wahllokal nachgezählt werden.) In den Wahlkabinen lagen Kugelschreiber aus. Der ganze Ablauf zügig und gut organisiert.

Kleine Anekdote:
Freitag (22.09.), vor 6:00 Uhr morgens auf einem Betriebshof einer als SPD-Hochburg geltenden Stadt in Ostwestfalen.
Ein Fahrzeug der SPD fährt auf den Hof (wo sie nichts zu suchen haben), Wahlkampfhelfer verteilen Schokoriegel und Wahlwerbung.

Die dort versammelten Beschäftigten geben sich höflich distanziert. ("Wir akzeptieren nur AfD-Kekse".)

Dies ist nicht der Schulzzug, denn der Schulzzug ist entgleist:

Duke Ellington, "Take the A Train"
https://www.youtube.com/watch?v=cb2w2m1JmCY

Ich hoffe, die verlinkte kleine Satire ist zu pessimistisch und die AfD bringt mehr zustande, bin aber skeptisch:

Balzender Geier
http://ulrich-grey.de/index8.html

--
Der Streusand-Effekt reduziert nicht die Rutschgefahr!

Meine Ergebnisse, ich war dort ("Deutschland|Sachsen-Anhalt|Magdeburg|Für das ausgewählte Gebiet liegen noch keine Ergebnisse vor.")

Hannes, inmitten des Landes S-A d. BRD in der EU, Sonntag, 24.09.2017, 21:29 vor 2341 Tagen @ Mirko 1571 Views

bearbeitet von unbekannt, Sonntag, 24.09.2017, 21:37

Ergebnisse=0

https://www.bundeswahlleiter.de/bundestagswahlen/2017/ergebnisse.html

Die acht Leutchen müssen gerade eben jetzt die Stimme noch neu auszählen, da zwei fehlten, als ich ging. Ich hatte keinen Sinn darin gesehen, denen noch mehr Druck aufzubauen und ging exakt 19:50 mit anerkennenden Worten.
Um 19:45 Uhr war bei den Erststimmen folgender fehlerhafter Stand:
487 Stimmen, Stapel 1 und 3, fehlend: 2 Stimmen (kein Beinbruch).
Unter Vorbehalt folgender Stand Wahlbezirk 101 Magdeburg (Altstadt):
1288 Wahlberechtigte
7 ungültige Stimmen (zweimal zwei Kreuze gemacht, Kommentar „Gute Frage / Keine Antwort“, Blatt durchgestrichen)
Korrektur NPD zu AfD wurde mit 7 von 8 Stimmen zögerlich anerkannt, ich behaupte, wegen: unter Beobachtung! Formal ist es nämlich so: Wenn Wählerwille erkennbar, dann gültig! Ganz klar eigentlich!
Bei einem CDU-Zweifelsfall allerdings: Ohne zu Zögern einstimmig und mit Heiterkeit akzeptiert.
Zählung:
Stapel 1 (Erst = Zweitstimme)
CDU 78
Linke 88
SPD 73
AfD 59
Grün 11
FDP 18
NPD 1
Freie Wähler 2
MLPD 2
Tierschutz 4
MG 3
Summe 339
-------------------------------------------
Erststimme:
CDU 14
Linke 35
SPD 26
AfD 7
Grün 11
FDP 18
NPD 2
Freie Wähler 7
MLPD 1
Tierschutz 7
Magdeburger Gartenpartei 1
Summe 129
-----------------
Stapel 2 Zweitstimme
CDU 23
Linke 26
SPD 23
AfD 11
Grün 15
FDP 12
NPD 3
Freie Wähler -
MLPD 1
Tierschutz 2
BGE 1
DiB 8
MG 2
DP 14
Summe 141
-----------------
3. Stapel, nach Abstimmungen:
CDU + 1 Erststimme
AfD + 1 Erststimme + 1 Zweitstimme
4 ungültige in beiden Spalten
-------------------------
Addition:
#### Erststimme:
CDU 93
Linke 123
SPD 99
AfD 67
Grün 22
FDP 36
NPD 3
Freie Wähler 9
MLPD 3
Tierschutz 11
Magdeburger Gartenpartei 4
Summe 468
#### Zweitstimme:
CDU 102
Linke 114
SPD 96
AfD 71
Grün 26
FDP 30
NPD 4
Freie Wähler 2
MLPD 3
Tierschutz 6
BGE 1
DiB 8
MG 5
DP 14
Summe 482
Summe Stimmzettel 488
Summe Wähler nach Liste 489 (?)
1288 Wahlberechtigte telefonisch durchgegeben 19:25 Uhr
489 Wähler (!)
Das Folgende nicht nachvollziehbar, da Zahlenkolonne nach Liste angesagt, und Gegenstelle unverständlich (kein Freisprechen), Abbruch wegen Differenzen, deshalb Auftrag fernmündlich zum Neu-Auszählen, quittiert „hmmm .. nachbessern“.
19:32 im Meldebogen durch Nachrechnen neue Summe 477, aber 489 ist Soll!
Stapel 1 nochmal gezählt.
Stapel 2 und 3.
19:45 Uhr fehlen noch 339+142+6-489= 2 Stimmen.
19:48 Pause ausgerufen, der zweite Wahlbeobachter geht mit Gruß.
Freundliche Diskussion mit dem Wahlleiter. Die Briefwahlstimmen würden woanders gezählt. Deshalb sind meine Zahlen nicht vollständig, wenig Wert.
Ich fragte wegen der anscheinend sehr geringen Wahlbeteiligung? Antwort: Täuscht, da mehr als 300 Briefwähler fehlen ….
Fazit: Das als erster Überblick von mir, ist keinesfalls repräsentativ, eher ein Einblick in das Stimmen-Zählen nach Zettel, wo m. E. nur in geringem Umfang „hingebogen“ wird, allerdings nur, wenn nicht beobachtet wird.
Später ggf. mehr von
H.

--
Eine Hand für den Mann und eine Hand für das Schiff.

"Das ist erschreckend und geht klar auf das Konto der Kanzlerin."

gwg ⌂ @, Metropole OWLs, Sonntag, 24.09.2017, 23:53 vor 2341 Tagen @ gwg 1363 Views

bearbeitet von unbekannt, Montag, 25.09.2017, 00:10

Kleine Anekdote:
Freitag (22.09.), vor 6:00 Uhr morgens auf einem Betriebshof einer als
SPD-Hochburg geltenden Stadt in Ostwestfalen.
Ein Fahrzeug der SPD fährt auf den Hof (wo sie nichts zu suchen haben),
Wahlkampfhelfer verteilen Schokoriegel und Wahlwerbung.

Die dort versammelten Beschäftigten geben sich höflich distanziert.
("Wir akzeptieren nur AfD-Kekse".)

Dies ist nicht der Schulzzug, denn der Schulzzug ist entgleist:

Duke Ellington, "Take the A Train"
https://www.youtube.com/watch?v=cb2w2m1JmCY

Ich hoffe, die verlinkte kleine Satire ist zu pessimistisch und die AfD
bringt mehr zustande, bin aber skeptisch:

Balzender Geier
http://ulrich-grey.de/index8.html

Bielefeld. Die SPD ist in Bielefeld bei der Bundestagswahl in ein historisches Tief gerutscht. Die CDU hat prozentual sogar noch mehr Stimmen verloren. Eine große Schlappe für die großen Parteien in der Stadt. Lichtblick für die SPD: Kandidatin Wiebke Esdar holt sich das Direktmandat.

Bielefelds SPD-Bundestagskandidatin Wiebke Esdar: "Damit ist die große Koalition klar abgewählt. Ich werbe jetzt dafür, dass die SPD Oppositionsführer wird." Bielefelds Oberbürgermeister Pit Clausen: "Eine Klatsche für die regierenden Parteien." Richtiger Mann, falsche Partei, tragisch.

Jens Julkowski-Keppler, Fraktionsvorsitzender der Bielefelder Grünen: "Die Grünen spüren die staatspolitische Verantwortung, in eine Regierung einzutreten. Aber es darf sie inhaltlich nicht zerreißen." Es werde ein Mitgliedervotum geben müssen. "Verhandlungen können wir mit unserem guten Ergebnis aber nicht ablehnen."

http://www.nw.de/lokal/bielefeld/mitte/mitte/21925337_Bundestagswahl-Wir-berichten-live...

Bielefeld war schon immer Hochburg.
Zu Kaisers Zeiten: SPD-Hochburg.
Später: KPD-Hochburg
Danach: Nationalsozialistische Hochburg
Später wieder: SPD-Hochburg
Aktuell (auch bedingt durch die Universität): SPD und Grüne Hochburg.

Jemand, dessen Familie schon seit sehr langer Zeit in Bielefeld wohnt, sagte mir: "Wenns knallt, schnell weg hier".

--
Der Streusand-Effekt reduziert nicht die Rutschgefahr!

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