Der Rest meiner persönlichen Freiheit – die andere Seite von Rumänien

helmut-1, Siebenbürgen, Dienstag, 02.04.2024, 06:58 (vor 48 Tagen)4598 Views

Was meine ich damit? Gute Frage.

Ich nehme mir am Ostersonntag meinen Kleintransporter, packe alles hinein, was man so braucht, und fahre mit meiner Frau zu einem Stausee am Rande der Stadt.

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Grill rausgeholt, Tischchen aufgestellt, Stühle, etc. Musik dazu, die uns gefällt, Ruhe und Erholung. Die nächsten - links neben uns - sind 50 m weit entfernt, niemand stört uns, und auf der anderen Seite, - rechts neben uns - ist in entsprechender Entfernung jemand, der seine Angeln ins Wasser hängt.

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Was Besonderes? Eigentlich nicht. Oder doch? Ich wüsste nicht, wo man solche Erlebnisse in Deutschland oder Österreich noch realisieren kann. Entweder ist der Bereich neben einem See Privatbesitz, oder in der „freien Natur“, die dem Staat gehört, ist alles verboten, vor allem das Grillen im Grünen.

Oder es sind irgendwelche limitierte Plätze vorgesehen, auf denen man grillen darf, unter dieser oder jener Bedingung, und schon gar nicht wird man dann mit dem Transporter direkt neben dem Ufer parken können, damit man nichts schleppen muss. Wenn einer keinen Grill dabei hat, dann macht er eben auf der Wiese ein kleines Feuer, legt ein paar Steine rundherum und legt einen kleinen Rost drüber. Geht ja auch.

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Kein Mensch kommt da in der Funktion eines Ordnungshüters und maßregelt wg. des offenen Feuers, kein Mensch fragt den Angler nach irgendeiner Legitimation, - kein Mensch hätte was dagegen, wenn ich ins Wasser reinspringe, natürlich nicht gerade neben dem Angler. Soviel Taktgefühl hat man ja.

Ist auch kein Schild dort, - „Baden verboten“, aber die Einheimischen wissen sehr wohl, dass man da sehr vorsichtig und ein guter Schwimmer sein muss, - gleich nach dem Ufer fällt das Niveau des Sees ab, und es gibt verschiedene Stellen mit Strudelbildung, auf die man zu achten hat. Außerdem beherbergt dieser Stausee eine Menge Fische, man hat dort schon Welse mit 2 m Länge herausgeholt.

Nun will ich dieses Land nicht über den grünen Klee loben. Vieles ist in Rumänien nicht so, wie es sein sollte. Aber die Dinge, die mir wichtig sind, die konnte ich hier finden. Nicht nur eine wunderschöne Landschaft, - die gibt es auch in anderen Ländern. Aber hier kann ich in den Bergen tagelang gehen, ohne irgendjemandem zu begegnen, vielleicht treffe ich einen Schafhirten, oder einen Bären, - das war‘s dann aber auch.

Die Bewohner des Landes, besonders auf den Dörfern, sind freundlich, offen und hilfsbereit, Kriminalität ist dort eine absolute Ausnahme. Natürlich gibt es auch Straftatbestände in den größeren Städten, aber trotzdem nicht mit anderen Ländern zu vergleichen. Immigranten sind hier so gut wie keine vorhanden, - die gehen ja dorthin, wo es richtig Kohle gibt.

Unterm Strich also wird mir hier genau das geboten, was mir wichtig ist, - mein Freiraum in der Natur, ohne Reglementierung und Überzahl von Touristen, und meine absolute Meinungsfreiheit, die von der Verfassung garantiert und auch im täglichen Leben von den Politikern respektiert wird.

Allerdings gehöre ich zu denen, die sich ständig mit der Freiheit der politischen Ansicht in Wort und Schrift, und auch in der Tat auseinandersetzen, diese oftmals provokativ ausloten. Derjenige, der mich näher kennt, weiß genau, welche politischen Ansichten ich vertrete, und da passt das eigentlich nicht richtig zusammen, was ich dieses Jahr wieder vom Stapel lasse. Der 20. April fällt dieses Jahr auf einen Samstag, und da trifft es sich gut, dass an diesem Tag bei uns im Hof die Blasmusik aufspielt, bei Gegrilltem und Gerstensaft vom Fass.

Kein Mensch kommt da auf die Idee, daraus irgendeine Assoziation abzuleiten, - im Gegenteil. Die Nachbarn, - egal, ob Rumäne, Ungar oder Deutschstämmiger, - sprechen mich am nächsten Tag darauf an, wie schön das wieder geklungen hätte, - es erinnert an die Zeiten von früher, als noch viele Blaskapellen in der Stadt existierten. Mach mal so was in Deutschland oder Österreich, nach spätestens einer Viertelstunde klopfen die Uniformierten ans Tor.

Um der Wahrheit die Ehre zu geben,- der eigentliche Hintergrund ist unsere Angewohnheit, ein bis zwei Wochen vor dem 1. Mai irgendwo mit den beteiligten Musikern zu proben, damit das alles am Maientag perfekt klappt. An diesem Tag wird nämlich schon in aller Herrgottsfrüh der „Mai eingeblasen“, und diese Tradition wird heute noch auf den Dörfern in Siebenbürgen, in denen die Deutschen gelebt haben und noch mehrere von ihnen wohnhaft sind, gepflegt.

Vor jedem Hoftor, wo ein Deutschstämmiger wohnt, werden ein paar Ständchen gespielt, dann wird man traditionell in den Hof geführt, wo der Tisch bereits gedeckt ist, natürlich mit dem Selbstgebrannten bewirtet, und dann geht’s zum nächsten Hof. Eine Herausforderung auch für meine Leber, aber er ist zum Glück nur einmal im Jahr, der 1. Mai.

Hier zur besseren Erklärung dieser Tradition:

http://traditionen.evang.ro/fe/tradition/view/141

Auch, wenn‘s schon 14 Jahre alt ist, dieses Foto, aber der mit der Posaune in der Hand, das ist meine Wenigkeit, und der mit dem Akkordeon ist mein Jüngster. Ist es nun nachvollziehbar, wenn wir zuhause den Tag der Entscheidung, nach Rumänien zu übersiedeln, als einen persönlichen hohen Feiertag begehen?


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