Ich mach mal den bescheidenen Versuch, auf manche Deiner Fragen zu antworten

helmut-1, Siebenbürgen, Freitag, 15.03.2024, 08:31 (vor 97 Tagen) @ Brutus1657 Views
bearbeitet von helmut-1, Freitag, 15.03.2024, 09:11

Siedelten in den verlorenen "Ostgebieten" Österreicher?
Stellten sie die Bevölkerungsmehrheit?
Wurden sie vertrieben oder diskriminiert?

Das ist schon wegen der damals geltenden Begriffe schwer zu beantworten.

Warum:
Die damals "amtierende" K.u.K-Monarchie hatte ihre nationalistischen Schwerpunkte. Selten hörte man das Wort Österreich" als Unterscheidung, gerade was die Nationalitäten der Bevölkerung betraf. Damals war der Begriff "Deutsche" gebräuchlich, meist auch als Anhängsel (Sudetendeutsche, Galiziendeutsche, etc.). Schließlich sprach man ja auch damals von "Deutschösterreich".

Wiki definiert das so:
Deutschösterreich, auch Deutsch-Österreich, bezeichnete in der Österreichisch-Ungarischen Monarchie die mehrheitlich deutsch besiedelten Gebiete der österreichischen Länder.

Durch den Vertrag von St. Germain nach dem verlorenen 1. WK wurde "Deutschösterreich" in "Republik Österreich" umbenannt.

Daher zur genaueren Beantwortung dieser drei Fragen:

Siedelten in den verlorenen "Ostgebieten" Österreicher?

Ja. Sie waren aber im Vergleich zu der ansässigen Bevölkerung in der Minderheit.Sieie kamen schon lange Zeit vorher als Bauern oder Handwerker in das Land. Später waren es hauptsächlich Verwaltungsbeamte des Staates. Als Beispiel Istrien: Da waren es vor Beginn des 1. WKs ca. 3,3%, wobei man bei diesen Volkszählungen auch nicht von "österreichisch" sprach, sondern von "deutsch" oder "deutschstämmig".

Stellten sie die Bevölkerungsmehrheit?

Gute Frage. Was stellt man da gegenüber? Die Gesamtheit eines Staates in den heutigen Grenzen und dazu im Vergleich den Prozentsatz der Deutschen? Oder die regionalen, von den Deutschen dominierten Gebiete?

Beispiel: "Iglau" im heutigen Tschechien. Man bezeichnet es auch als eine Sprachinsel, wobei man dazu auch das deutschsprachige Umland dazuzählt.

Ich zitiere aus https://ome-lexikon.uni-oldenburg.de/orte/iglau-jihlava

Nach der Volkszählung von 1910, bei der nicht die Nationalität, sondern die „Umgangssprache“ als Kriterium galt, lebten in Iglau 21.756 Deutsche und 5.974 Tschechen, in den anderen Gemeinden der Sprachinsel etwa 18.400 Deutsche und 6.100 Tschechen. Laut der ersten Volkszählung in der Tschechoslowakei 1921 zählte Iglau 25.634 Einwohner. Hiervon bekannten sich 11.581 zur tschechischen, 12.877 zur deutschen Nationalität.

Ähnliches gilt für die deutsch besiedelten Gebiete wie z.B. das Sudetenland, wobei man Böhmen und Mähren zusammenfasst (Einwanderung 12. + 13. Jhdt.), zur selben Zeit auch Siebenbürgen, das Banat später (erster Schwabenzug 1722 - 1726). die Batschka, Galizien, Schlesien, Bessarabien, Bukowina, etc. etc.

In diesen Gegenden hatten die Deutschstämmigen immer eine lokale Mehrheit, aber niemals auf die Gesamtbevölkerung eines Staatsgebietes bezogen.

Wurden sie vertrieben oder diskriminiert?

Von Vertreibungen im großen Stil ist mir nichts bekannt, bezogen auf das Ende des 1. WKs. Viele sind weggezogen, z.B. auch meine Vorfahren, die in Mähren Weinbaugebiete gehabt hatten. Sie hatten sich durch die politische Veränderung entschlossen, ihren Grund und Boden in Mähren zu verkaufen und haben dann Weinbaugebiete am Bisamberg gekauft. Also, - im Gegensatz zur Enteignung nach dem 2. WK in den danach kommunistisch regierten Staaten konnte man bleiben, oder auch verkaufen und wegziehen.

Diskriminiert? Ja, das gabe es. Vornehmlich in den Gebieten, in denen nationalistische Tendenzen zu spüren waren, wie z.B. bei den Tschechen, den Ungarn, etc. Allerdings richtete sich das z.B. bei den Ungarn nicht nur gegen die Deutschen, sondern auch gegen die im ungarischen Teil der Slowakei ansässigen Slowaken. Es gab eine Zeit, in der ein ungarischer Politiker die Existenz der slowakischen Bevölkerung in Frage stellte.

Ich zitiere:

In mehreren Etappen, zunächst noch zögerlich, wurde unter Ministerpräsident Kálmán Tisza, jede nationale Äußerung (der Slowaken) zusehends unmöglich gemacht. Die Situation war mit der Leugnung der Existenz der slowakischen Nation durch Tisza verhärtet

War Österreich nicht eher ein Vielvölkerstaat das dritte Völker vorher vereinnahmte, sie in ihrem Status Dritter beließ (eigene Sprache) und die dann 1918 wieder Anderen zugeordnet wurden?

Ja und Nein. Es gab solche und auch andere Beispiele. Ein Negativbeispiel war z.B. bei den Tschechen.

Beispiel:
Der Versuch des k.k. Ministerpräsidenten Kasimir Felix Badeni, die Verwaltungsbehörden der Böhmischen Länder grundsätzlich zur Zweisprachigkeit zu verpflichten, stieß auf den wütenden Widerstand vieler Deutscher Altösterreichs (nicht nur der deutschen Beamten, die Tschechisch zu lernen gehabt hätten) und führte zu Krawallen in Wien.

Gemischtes Beispiel, direkt "nebenan":

Verschiedene Zugeständnisse der Regierung an die mährischen Slawen, wie die Sprachenverordnungen vom 4. April 1897, das böhmische Technikum in Brünn, die unklare Haltung der Regierung gegenüber der Forderung nach einer böhmischen Universität in Brünn, gegen die sich die Deutschen mit Entschiedenheit wehren, verbittern das Verhältnis zwischen beiden Nationalitäten immer mehr. Der Lösung dieser wichtigen politischen Fragen dient der schon vor mehreren Jahren eingeführte und nach einiger Unterbrechung 1903 erneuerte permanente Ausgleichsausschuss des mährischen Landtags.

Positives Beispiel: Ungarn unter der Habsburger Monarchie. Dort blieb die ungarische Sprache permanent anerkannt.

Man muss bei dem Begriff "eigene Sprache" genau unterscheiden, und zwar zwischen:

- Muttersprache
- Umgangssprache
- Schriftsprache
- Literatursprache
- Unterrichtssprache
- Bildungssprache
- Vorlesungssprache
- Amtssprache
- Kommandosprache, Dienstsprache und Regimentssprache

Ganz gut hier erklärt:

https://familia-austria.at/index.php/forschung-und-service/das-alte-oesterreich/974-die...

Siebenbürger Sachsen, die man beispielhaft benennen könnte wanderten zuletzt aus wirtschaftlichen Gründen aus, weniger aus Vertreibungsgründen,..


Das bezieht sich auf die Ceausescu-Zeit, das hat nichts mit dem Verlust der Gebiete nach dem 1.WK zu tun. Da ist kaum jemand aus politischen Gründen ausgewandert und auch nicht vertrieben worden.

Zwingt man Helmut heute Rumäne zu werden oder bleibt er Österreicher oder neuer Siebenbürger Sachse?

Eindeutig: Nein. Ich kann mein Leben lang in Rumänien als Österreicher leben (was ich auch werde), und bei den Organisationen der Siebenbürger Sachsen werde ich als geduldeter Gast gesehen, aber kann niemals in politischer Funktion dort tätig werden.*)

Bei der Vertreibung aus Schlesien, durfte man bleiben, wenn man sich fortan als Pole bezeichnete - als Deutscher hattest Du das Land binnen 6 Stunden zu verlassen!

Wieder vermischt Du die beiden Weltkriege. Das, was Du sagst, bezieht sich auf die Zeit nach dem 2. WK. Wobei man auch als Deutschstämmiger im Sudetenland mit tschechischem Pass vertrieben wurde.

Generell muss man feststellen:

Die Geschichte der Deutschstämmigen mit Hin- und Wegzug ist vielfältig und sehr unterschiedlich. Kann man ganz gut aus dem Beispiel Galizien erkennen:

https://de.wikipedia.org/wiki/Galiziendeutsche

Eine grobe Zusammenfassung über denAblauf resp. die Verluste der Monarchie findet man hier:

https://www.timetravel-vienna.at/der-erste-weltkrieg-und-das-ende-der-habsburgermonarchie/

Die Verluste der Monarchie, hier kartographisch dargestellt:

https://ibb.co/yWtWKqt

Wobei diese Karte nicht komplett ist, - die Vereinnahmung des Sudetenlandes durch die damalige Tschechoslowakei ist darauf nicht ersichtlich.
________
*) Seltsame Entwicklung in der Geschichte:
Aufgrund der politischen Veränderungen zum fühlbaren Nachteil der österr. Bürger ziehe ich einen Strich unter meine Beziehung zum Staat Österreich. Verkaufe alles, was ich dort hatte, behalte aber meine österr. Traditionen, bleibe hier in Siebenbürgen, werde auch hier einmal als Österreicher begraben.

Was bin ich nun: Ein Auswanderer, oder ein Vertriebener, oder ein Verrückter?
_______
Noch ein Anhängsel:
Die durch den Vertrag von St. Germain aufgegebene neue Bezeichnung "Republik Österreich" als Nationalbegriff zu bezeichnen, ist genauso komisch, als wenn man von der "Nation Monaco" spricht. In den Staaten, in denen seit Jahrhunderten mehrere Nationen leben, bewertet man diese Dinge anders. Deshalb steht auch auf dem rumänischen Matura(Abitur)Zeugnis meines Sohnes oben rechts:

Staatsbürgerschaft: Österreichisch
Nationalität: Deutsch


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