Korrekt, und die Gründe sind nicht zuletzt auch BRD-systemisch bedingt.

Julius Corrino, Sur l'escalier des aveugles, Mittwoch, 24.01.2024, 12:28 (vor 92 Tagen) @ Dragonfly1434 Views
bearbeitet von Julius Corrino, Mittwoch, 24.01.2024, 13:04

Es hat in der Geschichte der Bundesrepublik nur zwei erfolgreiche Parteineugründungen gegeben. Im Jahr 1980 schafften es die Grünen, und die AfD dann nochmals 2010/2013.

Erfolg bedeutet hier schlicht, daß die Partei es schafft, dauerhaft in allen (oder wenigstens der Mehrzahl) der Landesparlamente sowie im Bundestag vertreten zu sein, mithin in der Fläche (!) über lange (!) Zeiträume eine ausreichend große Kernwählerschaft (!) an sich zu binden. Die SED-Nachfolgepartei ab 1990ff. war damit also ausdrücklich zu jedem Zeitpunkt ihrer Existenz eine GESCHEITERTE Partei. Es gehört zu den empirisch überprüfbaren (n=2) Gesetzmäßigkeiten, daß dieser Erfolg sich unter BRD-Vorzeichen offenbar nur unter zwei Bedingungen einstellen kann:

1) Es muß sich eine wohlstandsrelevante* Krise einstellen
2) Die Krise muß zu einem Zeitpunkt auftreten, in dem sich gerade ein neuartiges, politisch aktivierbares demoskopisches Milieu herausbildet oder bereits fertig herausgebildet hat

Im konkreten Fall der Grünen also: Sie sind ideengeschichtlich eine Folgeerscheinung des neu entstandenen Krisenfeldes "Umweltpolitik" der 70er Jahre (und nicht etwa deren Erfinder) und hatten das Glück, auf das neu enstandene und (im Sinne von Vernetzung, Agitationsfähigkeit und Aktivismusneigung) ausreichend professionalisierte bundesdeutsche Akademikerproletariat zu treffen, aus dem sich Parteipersonal wie auch Wählerschaft rekrutieren konnten.

Im Fall der AfD war die Währungskrise 2008-2010 das Zeitfenster, in dem eine durch akuten Wohlstands- und Statusverlust bedrohte produktive Arbeiter-/Mittelschicht als politisch führungsloses, von den Altparteien strukturell und weltanschaulich nicht mehr beackerbares Subjekt zur Verfügung stand. Die im Laufe der Folgejahre erforderliche Häutung der Partei weg vom aussichtslosen Ökonomismus und hin zum populistischen Widerstand gegen den damals schon deutlich spürbaren Massenzuwanderungsdruck (gerade noch rechtzeitig VOR der totalen Zuspitzung der Migrationskrise 2015ff.) brachten den Durchbruch zum Status als Volkspartei. Man kann die AfD also als so etwas wie einen Sonderfall betrachten, da sie im Moment der Konvergenz mehrerer fast gleichzeitiger Krisen Zugriff auf das von diesen hauptsächlich betroffene Milieu hatte UND sich auch selbst mit der Entsorgung der Professorenriege um Lucke in kurzer Zeit zwecks Langfristwachstum ein zweites Mal neu gründen konnte.

All das trifft in Bezug auf eine Maaßen-Partei aber nicht mehr zu. Die beiden Gelegenheitsmomente Migrationskrise und Wohlstandsverlust haben sich vor zehn Jahren geboten. Der kurze, kritische Augenblick liegt in der Vergangenheit, und die damals als Verfügungsmasse bereitstehenden neuen Wählerschichten wurden bereits von der AfD absorbiert. Unionswähler sind für marktradikale und migrationskritische Ansätze grundsätzlich nicht aktivierbar (was insbesondere auf die übergroße Zahl von Rentnern unter diesen zutritt), da diese ihren Frieden mit der unionstypischen linksliberalen Dauerrevolution im Schneckentempo schon vor langer Zeit gemacht haben - lange vor Beginn der Ära Merkel!

Addendum: Auch für eine Wagenknecht-Partei ist die einzige Option die Kannibalisierung kleiner Zahlen linker Wähler von ideologisch benachbarten Konkurrenten. Das Thema Massenzuwanderung will man gar nicht erst beackern (und könnte es mit dem vor überschäumender Fremdenliebe besoffenen Kaderpersonal auch gar nicht). Resultat bleibt ein Nullsummenspiel zwischen medial planvoll aufgeblasenen, aber politisch irrelevanten Hobbyisten unterhalb der 5%-Hürde.

Alle übrigen gescheiterten und scheiternden Parteiprojekte resultieren ebenfalls aus der Mißachtung bzw. dem Unwissen über diese grundlegende politische Dynamik in der BRD. Ohne Krise keine dauerhafte Verschiebung des Wohlstandsgefüges. Ohne dauerhafte Verschiebung des Wohlstandsgefüges keine liegengelassenen Stimmzettelknechte. Und ohne beides kein langfristiger politischer Erfolg.


*Also mindestens eine Krise, die das zum gegebenen Zeitpunkt existierende Wohlstandsgefüge zwischen den existierenden Wählermilieus signifikant modifizieren kann - sowohl abwärts (Gefahr & Erhaltungsanstrengung) als auch aufwärts (Chance & Krisenprofiteurstum).

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Ainsi continue la nuit dans ma tête multiple... elle est complètement dechirée... ma tête.
- Luc Ferrari


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