Die alten Aussagen von @dottore gehen am Kern der Sache vorbei, denn es wird NICHT gewirtschaftet um Kontrakte zu erfüllen

Morpheus ⌂, Mittwoch, 31.05.2023, 01:03 (vor 266 Tagen) @ Ostfriese1061 Views

Hallo Ostfriese,

danke für Deine ausführliche Antwort. Aber immer nur alte dottore-Aussagen zu zitieren hilft nicht weiter.

Es sind viele Aspekte, die ich im Einzelnen anders sehe.
Also versuche ich erst einmal die große Linie klar zu bekommen.

Das Vorher-Nacher-Problem hat jeder Häuslebauer. Er will das Haus vorher bezahlen und muss hinterher abstottern. Warum sollte selbiger ein Wachstums-Problem haben.

Genauso ginge es einem Herrscher, der nicht expandiert. Er muss eine gewisse Summe vorfinanzieren, dafür muss er Zinsen einrechnen. Wenn einmal alle seine Ausgaben (Schutz/Gerichtsbarkeit/Steuereintreibung), einschließlich der Zinsen durch die Steuern abgedeckt sind, warum sollte sich das in der nächsten Periode ändern müssen. Das System könnte so auf ewig stabil funktionieren.

Natürlich dehnen sich Herrscher immer aus, weil sie es wollen oder weil sie dazu im Wettbewerb mit Nachbarn gezwungen werden. Aber die Ursache liegt dann nicht in der Sphäre des Geldes. Die Ursache liegt in der Ausdehnung der Herrschaft und der nachfolgenden Erhöhung der Steuern.

Es wird gewirtschaftet zur Erfüllung von Kontrakten?
Ich dachte, wirtschaften wäre erst einmal Kontrakte abzuschließen. Das ist nämlich der eigentlich schwierige Teil des Wirtschaftens. Kontrakte, die dann später von den beteiligten Parteien erfüllt werden müssen, was i.d.R. deutlich einfacher ist, weil die beteiligten Parteien gut geplant haben was nach dem Abschluss passieren muss. Natürlich gibt es immer mal wieder Ausnahmen wo das nicht klappt wie gewünscht, aber rein quantitativ sind das Ausnahmen.

Gewirtschaftet wird nicht primär um Kontrakte zu erfüllen. Kontrakte werden abgeschlossen, um Geld zu bekommen. Das eigentliche Problem von Menschen und Unternehmen ist, Kontrakte zu bekommen, mit denen sie später Geld erhalten. Das ist was sie suchen. Das ist was wirtschaften ist. Da liegt das Haupt-Risiko, keine bzw. nicht ausreichende oder zu schlecht verhandelte Verträge zu bekommen, um die eigenen Verpflichtungen, unter vielen anderen auch die aus der Erfüllung, abdecken zu können.
Das ist nämlich ein entscheidender Punkt. Jeder Vertrag muss auf der Einnahmeseite deutlich mehr abdecken, als NUR den Vertragsgegenstand. Zum Beispiel die Steuern. Und Zahlungsausfälle, entstehen i.d.R. auch nur deshalb, weil keine neuen Verträge mehr geschlossen werden können, die weitere Einnahmen ermöglichen und das Geld für eingegangene Verpflichtungen fehlt.

Dottores Sichtweise, die sich auf die Erfüllung konzentriert, ist grundfalsch und sie beruht wahrscheinlich darauf, dass er niemals selbst Unternehmer war.

Aber auch für normale Menschen gilt, einen guten Arbeitsvertrag zu bekommen ist schwierig. Die Erfüllung danach ist eher einfach. Klar, sie kostet Zeit, aber die eigentliche Rendite, die kommt aus dem Abschluss. Und so ist das auch bei Miet- und Kaufverträgen. Wer für sich vorteilhafte Konditionen möchte, der muss sehr gut im Verhandeln sein oder sich sehr anstrengen oder beides.
Bevor ein Unternehmen einen Vertrag abschließt hat es für sich die Erfüllung des Vertrages in der Regel gut durchdacht oder sogar durchgeplant. Oft werden dafür sogar Vorstudien genutzt, um Pflichtenhefte zu erstellen. Konzerne, die keine Probleme mit Preisverhandlungen haben, nutzen Sicherheitsaufschläge von hundert und mehr Prozent, um Risiken der mangelnden Planbarkeit auszugleichen.

Wenn dann ein Vertrag abgeschlossen werden konnte, dann ist der Rest ein Abarbeiten des zuvor Geplanten. Klar kann dann auch etwas schief laufen, aber das sind Ausnahmen, denn viele solcher Fehler kann sich ein Unternehmen nicht leisten, sonst ist es pleite und "ist raus dem Spiel". Auch das Ausbleiben der vereinbarten Bezahlung ist definitiv eine Ausnahme, denn sonst würde man mit Anzahlungen oder Teilzahlungen arbeiten, um diese Probleme zu vermeiden.

Geld ist kein Tauschmittel. Geld beruht auf der Macht. Aber die Macht und die Schuld sind nicht ex nihilo. Sondern sie sind entstanden und entstehen immer wieder aus einem Konsens.

Angemessene Steuern sind nämlich kein Raub. Sie sind eine Gegenleistung für die Bereitstellung eines sicheren oder gesicherten Territoriums, dass mit gewissen öffentlichen Leistungen versorgt wird.
Darüber können Herrscher in der Regel, also wenn sie die Herrschaft auf einem Territorium neu übernehmen, einen Konsens erzielen, weil die Abgaben anfangs nie überhöht sind. Das ist immer nur in der Endphase von Herrschaftszyklen so. Dann wenn die Herrscher aber so fest im Sattel sitzen, dass sie sich über die Meinung der Untertanen (meinen) keine Sorgen mehr machen (zu) müssen. Aber das ist ein weiteres Thema, und ich würde gerne erst einmal das erste Thema abschließen.

Es ist immer so, dass Menschen arbeiten gehen oder Waren verkaufen, weil sie Geld brauchen und Geld brauchen sie initial, weil sie Steuern zahlen müssen. Wer in Deutschland nicht obdachlos ist, muss Grundsteuer zahlen und damit selbst dann arbeiten gehen oder Waren verkaufen und damit dann entweder zusätzlich Lohnsteuer oder auch Mehrwertsteuer zahlen. Auch dann, wenn er sonst aus der eigenen Subsistenzwirtschaft lebt. Das ist mMn auch völlig OK, denn der Staat schützt das Grundeigentum.

Es ist erst sekundär so, dass Menschen Geld nutzen, um Kontrakte zu erfüllen. Primär ist es so, dass sie Kontrakte nutzen, um Geld zu bekommen, z.B. einen Kreditvertrag. Niemand kann Geld ausgeben, solange er es nicht zuvor erworben hat. Banken, Erbschaften und Lottogewinne mal außen vor gelassen.

Grüße
Morpheus

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