Der Staat - ein Vergleich (auch für @Morpheus)

Weiner, Sonntag, 12.03.2023, 18:48 (vor 353 Tagen) @ Beo25172 Views

Hallo Beo2 -

- ich war im letzten Monat in Vorderasien, stand an einem Fluß und hab' dann halt ein Foto dazu gemacht, wie dort die ungeklärten Abwässer reinlaufen, ein Meter neban aber ein Öl-Lämpchen auf einem Schiffchen ins Wasser gestellt wurde: ist ein heiliger Fluss, und wenn man das macht, dann hilft es den Seelen. Ich wurde natürlich angesprochen, und habe auf den Widerspruch aufmerksam gemacht und - lösungsorientiert - gefragt, wie man es ändern könne. Die Antwort: das ist Aufgabe des Staates.

Ich gehe inzwischen so weit zu sagen, dass es den Staat gar nicht gibt. Er ist eine Fiktion. In der Realität gibt es nur die integrierten Handlungen der 'Bürger'. Diese Handlungen, auch UNTERLASSENE Handlungen und unsachgemäße Handlungen spiegeln sich in der Summe wieder in dem, was wir als Staat bezeichnen. Der Staat ist ein Instrument seiner Bürger, das wiederum aus BEAUFTRAGTEN Bürgern besteht.

Ich nehme als Vergleich eine Hausverwaltung. Man kommt zu einer Eigentümerversammlung zusammen und entscheidet sich, dass man Reparaturen, Abrechungen etc. nicht SELBST macht, sondern einem Hausverwalter überträgt. Man macht es sich bequem, hat keine Zeit, versteht nichts davon - also macht's der Verwalter. Manchmal wird einer der Eigentümer zum Verwalter, man kennt sich, vertraut sich, hat Kontrolle - und alles ist OK. Aber wenn's dann größer wird (siehe unten!), dann machen es professionelle Hausverwalter, und da gibt's verschiedene Angebote (Parteien ...), und da wählt man dann einen aus. Und der hat seine eigenen Handwerker und Rechtsanwälte und Gutachter, von denen er Provisionen bekommt. Und wenn's ganz schlimm wird, dann bilden die Rechtsanwälte und Gutachter und Handwerker verdeckt eine Firma (Share-and-Stakeholder-Network ...), die ihrerseits Hausverwalter ausbildet (Young Global Leaders) und den Eigentümerversammlungen anbietet mit einem Verfahren, das man Wahlkampagne nennt und das die Wohnungseigentümer am Ende selbst bezahlen ...

Was wir heute als den Staat benennen, ist historisch gesehen ganz anders entstanden, nämlich durch eine gewaltsame Überlagerung (siehe meine parallelen Beiträge über Kulturzyklen gestern). Es kam eine Gruppe mit Schwertern in den Händen und ihr (einst gewählter!?) Anführer sagte: ich bin ab jetzt Euer Hausverwalter und die hier, mit den Schwertern, sind meine Helfer. Wir werden euch jetzt verwalten, und das kostet Euch so viel ...

Dieser Staat hat tausend (und mehr) Jahre funktioniert (Effizienz guter Verwaltungsstruktur, Arbeitsteilung etc.), bis die Wohnblocks so groß wurden, das sich eine Mittelschicht (Bürgertum ...) gebildet hat, die einen größeren Teil vom Kuchen wollte - zumal auch die Könige und der Adel Anzeichen von (genetischer, emotionaler und geistiger) Degeneration zeigten. Bei der Argumentation dafür, dass die Bürger doch mitbeteiligt werden sollten, haben sie, die gebildeteren Bürger (Rousseau, Kant, Voltaire u.ä.), das Narrativ entwickelt, dass es eigentlich die Bürger seien, die den Staat darstellten (Souveräne der Nation seien). Dieses Narrativ wurde zwar aufgestellt vor 250 Jahren, aber nicht wirklich eingelöst. Denn schnell hat das gehobene Bürgertum (Bankiers, Akademiker, Unternehmer etc.) erkannt, wie es selbst sich zum eigentlichen Hausverwalter aufschwingen kann. Den Rest der Geschichte brauche ich nicht zu erzählen. Es gab einen Versuch, die Entwicklung umzubiegen, doch der war nur scheinbar bzw. ist gescheitert: die Arbeiterbewegung wurde letztlich auch nur von Akademikern angeführt bzw. musste von ihnen angeführt werden, denn der Arbeiter kommt nicht ohne den "Organisateur" aus. Wie Du, Beo2, richtig bemerkst: die Arbeitsteilung bringt eine Asymmetrie herein, die ab einem bestimmten Grad kontraproduktiv wird.

Man kann folgendes historisches Resüme ziehen (neben vielen anderen Resümes ...): vermutlich ist es das Massenwachstum, rein bevölkerungsdynamisch gesehen, das zu der Deformierung von Gesellschaft, Staat und individuellem Verhalten führt. Die effiziente (immer wieder auch gewalttätige, vor allem aber hierarchische) Organisation führt zu Wachstum. Dieses Wachstum ermöglicht immer differenziertere Organisation (industrieller und finanzieller Kapitalismus, staatliche Bürkokratien), die aber schließlich in die Integrität, Souveränität, ja sogar in den physischen und psychischen Körper der Arbeiter und Bürger und Wohnungseigentümer eingreifen. Ich gehe so weit zu sagen: nicht nur die Verwalter sind Psychopathen sondern auch die Verwalteten sind es geworden.

[Es gibt sozialwissenschaftliche Untersuchungen, die aufzeigen können, dass zB. italienische Wähler Typen wie Berlusconi absolut "Spitze" finden und es genauso machen würden wie er, wenn sie "an der Macht" wären ...]

Ein Resüme bzw. Fazit aus dieser Perspektive auf das Wesen und die bisherige Geschichte des Staates ist (für mich): der Prozess lässt sich wahrscheinlich nicht mehr rückgängig machen, nichtmal mehr modifizieren (und dafür braucht es nichtmal keine debitistischen Erklärungen ...). In der historischen Entwicklung ist die IMPERATUR ein Versuch, die Explosion und Implosion mit neuer extremer Gewalt und totalitärer Kontrolle zu beherrschen. Das kann gelingen, jedoch nur über eine definierte Periode hinweg (aus zyklischer Sicht maximal 300 Jahre).

Im anstehenden Zerfallsprozess gibt es aber - regional und phasenweise - die Option, wieder überschaubare, kleinräumige Assoziationen von 'menschlichem Maß' zu formieren, in denen zwischen Wohnungseigentümern und Hausverwaltern ein akzeptables Gleichgewicht und eine Balance besteht. *)

Deswegen versuche ich immer wieder darauf hinzuweisen, dass die VORBEREITUNG nicht nur Techniken und Vorräte etc. umfassen sollte, sondern auch soziale Kompetenz und Kooperation.

Wüsche allen Mitlesenden eine gute neue Woche!

W.

*) Derartige in sich stabilen regionale Einheiten würden es dem IMPERATOR erleichtern, seine Herrschaft zu errichten, sofern die betreffende regionale Einheit und der IMPERATOR fähig sind, eine für beide Seiten akzeptable Kooperation auszuhandeln ... (entspricht zB. in früheren Zeiten in etwa der 'reichsfreien Stadt', die nicht allein mit einem regionalen Fürsten sondern direkt mit dem Kaiser verbunden war)


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