Über die Wissenschaftlichkeit der Anthroposophie

Falkenauge, Freitag, 16.12.2022, 08:35 (vor 587 Tagen)3862 Views

Die Anthroposophie wird in der herrschenden öffentlichen Meinung als eine esoterische Lehre betrachtet, deren Inhalte Rudolf Steiner aus alten gnostischen, mystischen und theosophischen Anschauungen sowie eigenen Spekulationen zusammengestellt habe. Insbesondere das Urteil der etablierten Wissenschaft lautet unisono geringschätzig, sie sei alles andere, nur keine Wissenschaft. Denn eine Wissenschaft vom Geiste – wenn dieser überhaupt existiere – könne es grundsätzlich nicht geben, an eine geistige Welt könne sich allenfalls der Glaube wenden. - All diese Urteile stammen aus vielfach medial genährten Antipathien, Vorurteilen und wissenschaftsdogmatischen Behauptungen, denen nachfolgend der Versuch einer Widerlegung entgegengestellt werden soll. *

Rudolf Steiner machte von Anfang an – auch innerhalb der Theosophischen Gesellschaft, der er einige Jahre angehörte – das, was er an esoterischen Inhalten vertrat und lehrte, ausschließlich als Ergebnisse eigener übersinnlicher Forschung geltend, deren streng wissenschaftliche Methode an Exaktheit der naturwissenschaftlichen Methode nicht nachstehe. Und mit der Bezeichnung „anthroposophische Geisteswissenschaft“ entwarf er die Anthroposophie als einen Spezialfall der Wissenschaft. Dies zeigt, dass die Wissenschaftlichkeit der Anthroposophie für Rudolf Steiner von fundamentaler Bedeutung ist. Die Anthroposophie hätte keine Daseinsberechtigung, wenn sie nicht dem Bedürfnis des modernen Menschen nach wissenschaftlicher Klarheit und Sicherheit gerecht werden könnte.

Eine Kritik an der Wissenschaftlichkeit der Geisteswissenschaft geht nun von einem bestimmten Begriff von Wissenschaft aus, der als Maßstab angelegt wird. Diesen gilt es also zunächst zu untersuchen, ob und inwieweit er selbst wissenschaftlich begründet ist. Wissenschaft beansprucht, eine methodisch abgesicherte Form von Erkenntnis zu sein. Dies wiederum setzt die Klärung der Frage voraus, was Erkenntnis ist. Fließen in die Formulierung des Wissenschaftsbegriffs ungeklärte Voraussetzungen darüber ein, was man unter Erkenntnis versteht, ist dieser Wissenschaftsbegriff selbst unwissenschaftlich.

Wissenschaft der Erkenntnis

Die Grundlagendisziplin, die sich mit der Erkenntnis der Erkenntnis befasst, ist die Erkenntnistheorie. Ein Wissenschaftsbegriff lässt sich folglich nur auf der Basis der Erkenntnistheorie begründen. Das hat Rudolf Steiner sehr wohl gewusst, denn bevor er die Anthroposophie als Geisteswissenschaft in unterschiedliche Richtungen ausarbeitete, befasste er sich fast zwanzig Jahre lang damit, eine Erkenntnistheorie als wissenschaftliche Grundlegung auszuarbeiten und sie in den „Grundlinien einer Erkenntnistheorie der Goetheschen Weltanschauung“, in „Wahrheit und Wissenschaft“, seiner Dissertation, und in „Die Philosophie der Freiheit“ darzustellen.

Dabei ging er so vor, dass er den Erkenntnisvorgang als Phänomen vor den inneren Blick stellte und ihn voraussetzungslos untersuchte. Was passiert eigentlich, wenn wir irgendwelche Erkenntnisse geltend machen? Es gibt immer irgendein Phänomen, das uns vor die Sinne tritt und von dem uns nicht vollständig klar ist, um was es sich handelt. Wir beginnen darüber nachzudenken, und wenn es gut geht, hellt sich die Sache auf. Damit unterscheiden wir zwei wesentliche Dinge: einerseits Phänomene, die uns von außen entgegenkommen, und andererseits unser Denken, das Begriffe und Ideen über diese Phänomene bildet und damit durchdringt.

Deswegen sagt Rudolf Steiner: „Beobachtung und Denken sind die beiden Ausgangspunkte für alles geistige Streben des Menschen." 1 In unserem alltäglichen Bewusstsein fließt aber in dem unbewussten Erkenntnisbemühen beides sofort ineinander. Wir müssen sie voneinander trennen, um sie in ihrer je eigenen Qualität untersuchen zu können: einerseits die Beobachtungs-Phänomene und andererseits das Denken, denn beide entstammen zwei verschiedenen Quellen.

Alle Erkenntnisse sind Verschmelzungsprodukte von Elementen, die einerseits im Wahrnehmen und andererseits im Denken ihren Ursprung haben. Die Wahrnehmungen für sich, ohne gedankliche Durchdringung, sind völlig bestimmungs- und zusammenhanglos, aus sich selbst heraus absolut unerklärlich. Die Rätselhaftigkeit ihrer Erscheinung ist es gerade, die uns unbefriedigt lässt und die Aktivität unseres Denkens herausfordert. Das Denken produziert Begriffe wie Kausalität, Ursache und Wirkung, Ding und Eigenschaft oder Mittel und Zweck, durch welche die Wahrnehmungswelt geordnet erscheint. Im Denken erfassen wir Inhalt, Prinzip und Zusammenhang der Dinge, die sie als reine Wahrnehmungen nicht an sich tragen. Die Wahrnehmungen nehmen wir durch Beobachtung wahr, ihr Wesen in den Begriffen unseres aktiven Denkens. Erst durch die Verschmelzung beider entsteht Erkenntnis.

Das bedeutet, dass wir zwar real, aber nicht in unserem Bewusstsein von vorneherein der Wirklichkeit gegenüberstehen. Wir sind subjektiv so organisiert, dass die Wirklichkeit der Dinge sich für uns in zwei Teile spaltet. Die Wahrnehmungen, die uns durch die Sinne vermittelt werden, offenbaren nur den äußeren Teil, den anderen, wesenhaften Teil, nehmen wir sozusagen mit dem Denken wahr. Erst in der Verschmelzung beider kommen wir in die Wirklichkeit hinein, die außer uns vorhanden, aber durch unsere Organisation für unser Bewusstsein in zwei Teile getrennt wird.

Die Rätselhaftigkeit der Wahrnehmung als halbe Wirklichkeit ruft in uns die Frage nach der fehlenden anderen Hälfte hervor. Ja die Frage nach dem, was das Wesen des Wahrgenommenen eigentlich sei, ist bereits dessen eigene denkende Ankündigung. Die Wahrnehmungswelt, wie sie sich unserem Bewusstsein zunächst darbietet, ist noch nicht die Wirklichkeit. Sie bleibt uns äußerlich und fremd, so lange wir sie nur beobachten und uns des Denkens enthalten. Setzen wir jedoch unser Denken in Bewegung, hören die Wahrnehmungen auf, außer uns zu sein. Dann taucht in den Begriffen und Ideen ihr inneres Wesen in uns auf. Das Innere der Natur tritt in das Innere des Menschen ein. Zwischen uns und den Dingen besteht keine Trennung mehr. Die Dinge sprechen sich in unseren Gedanken selber aus.

„Wer zu diesem Verständnisse nicht gelangt, dem bleiben die Dinge der Außenwelt fremdartig. Er hört aus seinem Innern das Wesen der Dinge nicht zu sich sprechen. Deshalb vermutet er, dass dieses Wesen hinter den Dingen verborgen sei. Er glaubt an eine Außenwelt noch hinter der Wahrnehmungswelt. Aber die Dinge sind nur so lange äußere Dinge, so lange man sie bloß beobachtet. Wenn man über sie nachdenkt, hören sie auf, außer uns zu sein. Man verschmilzt mit ihrem inneren Wesen. Für den Menschen besteht nur so lange der Gegensatz von objektiver äußerer Wahrnehmung und subjektiver innerer Gedankenwelt, als er die Zusammengehörigkeit dieser Welten nicht erkennt. Die menschliche Innenwelt ist das Innere der Natur.“ 2

Wahrnehmen und Denken

Erkenntnis ist also die Vereinigung von Wahrnehmung und Begriff. Wir arbeiten uns erkennend erst in die Wirklichkeit hinein. Aus der aufeinander bezogenen Wahrnehmungs- und Begriffswelt folgt, dass die Erkenntnis immer offen sein muss gegenüber der Widerlegung ihrer Ergebnisse. Denn zukünftige Wahrnehmungen und zukünftige Denkprozesse können in ihrer Kombination zu differenzierteren und auch weiteren Ergebnissen führen. Aber diese Erkenntnisse dürfen sich nicht wirklich widersprechen, weil dies der Einheitlichkeit der Begriffswelt zuwiderliefe. Sie müssen aufeinander beziehbar sein. Wissenschaftliche Erkenntnis ist also in hohem Grade evolutionär. Nur wenn die Wahrnehmungswelt abschließbar wäre, könnte auch die Erkenntnis als abschließbar und begrenzt betrachtet werden.

Zugleich legt diese Erkenntnistheorie Wissenschaftsauffassungen als unwissenschaftlich bloß, die entweder ungeprüft von der Wahrnehmungswelt als einer abgeschlossenen Wirklichkeit ausgehen (naiver Realismus), oder Wahrnehmungswelt und Begriffswelt dualistisch als zwei völlig unabhängig
voneinander bestehende Welten vorstellen, von denen man nicht weiß, wie man sie zusammenbringen soll, und schließlich die Auffassung, dass es außer der Realität, die man entweder wahrnimmt oder denkt, noch weitere Realitätsbereiche gebe, an die man niemals herankomme (metaphysischer Realismus). Die Einwände gegen die Geisteswissenschaft kommen nicht zuletzt von solchen Theorien, die als Wissenschaft auftreten, aber auf irrtümlichen Erkenntnistheorien beruhen, also wissenschaftlich nicht fundiert sind.

Insofern die Naturwissenschaft aber in ihrer Methode der genauen Beobachtungen, Experimente und Berechnungen einen Wirklichkeitsanspruch geltend macht, Phänomene aussondert, gedanklich aufeinander bezieht und das begriffliche Ergebnis dieses Bezuges experimentell überprüft, wird im Prinzip ihr Vorgehen von Rudolf Steiner ausdrücklich bestätigt. Die naturwissenschaftliche Methodologie von Beobachtung, Experiment und vollständig klarer begrifflicher Durchdringung wird durch Steiners Erkenntnistheorie wissenschaftlich gestützt und von ihm auch für die Geisteswissenschaft geradezu als vorbildlich betrachtet. Daher hat er bereits unter den Titel seines Buches „Die Philosophie der Freiheit“ den methodologischen Hinweis gesetzt: „Seelische Beobachtungsresultate nach naturwissenschaftlicher Methode“.

Aus Wahrnehmen und Denken werden also die Elemente gewonnen, die jede Erkenntnis ausmachen. Was auch Objekt unserer Erkenntnis werden soll: Es muss einerseits wahrgenommen und andererseits denkend durchdrungen werden. Darauf ist die alltägliche wie die wissenschaftliche Erkenntnis gegründet. Daraus folgt, dass es prinzipiell keine Erkenntnisgrenzen geben kann. Und ob ein Erkenntnisbemühen wissenschaftlich ist, wird grundsätzlich nicht durch eine bestimmte Art von Objekten, z.B. sinnlich wahrnehmbaren, bestimmt, sondern dadurch, dass etwas als Wahrnehmung erfasst und mit entsprechenden Begriffen durchdrungen werden kann.

Die Geisteswissenschaft

Damit ist die erkenntnis- und wissenschaftstheoretische Grundlage auch für eine Wissenschaft des Geistes gelegt. Rudolf Steiner macht geltend: Es gibt eine geistige Welt, diese ist für den Menschen prinzipiell wahrnehmbar und die geistigen Wahrnehmungen können denkend durchdrungen und unter wissenschaftlichen Anforderungen erforscht werden. Dagegen werden nun die verschiedensten Einwände erhoben.

- Eine geistige Welt gebe es nicht. - Doch dass es die Möglichkeit einer geistigen Welt gibt, lässt sich nicht widerlegen. Man kann kein logisches Argument vorbringen, das die Unmöglichkeit erweisen könnte. Nur wenn man den gesamten Weltinhalt überschauen und dies feststellen könnte, oder wenn sich der Gedanke selber als widersprüchlich herausstellen würde, wäre ein solcher Einwand unter wissenschaftlichen Gesichtspunkten möglich. Wenn Rudolf Steiner die Existenz einer geistigen Welt geltend macht, kann das also nicht von vorneherein verneint werden, sondern man muss sich auf seine Begründungen erst einmal einlassen.

- Eine geistige Welt möge es zwar geben, man könne sie aber nicht wahrnehmen. - Dass jemand oder auch eine große Gruppe von Menschen etwas nicht wahrnehmen können, ist noch kein Beweis, dass es nicht möglich ist. Andere Menschen könnten sehr wohl solche geistigen Wahrnehmungen haben. Man darf nicht das eigene Unvermögen ohne Prüfung einfach generalisierend auf andere übertragen. Das ist keine wissenschaftliche Vorgehensweise. Rudolf Steiner und andere können also durchaus solche Wahrnehmungen gehabt haben.

Ob wir Wahrnehmungen von etwas haben oder haben können, hängt davon ab, dass wir Sinnesorgane dafür haben. Bei denjenigen, die geistige Wahrnehmungen geltend machen, wie Rudolf Steiner, müssen wir also solche Wahrnehmungsorgane voraussetzen. Wahrnehmungsorgane sind aber etwas, was im Prinzip nicht nur irgendeinem Menschen zukommt und anderen nicht, sondern wozu mindestens eine allgemeine Veranlagung bestehen muss. Es kann nicht sein, dass diese nur exklusiv bei einigen wenigen vorhanden sind. Dies verbietet sich aufgrund der oben angedeuteten Erkenntnistheorie. Denn dort ist nicht gesagt, für einige Menschen spaltet sich die Welt in Wahrnehmung und Begriff, sondern für alle.

Wer noch keine geistigen Wahrnehmungen hat, muss aber die Möglichkeit haben, die bei ihm veranlagten geistigen Wahrnehmungsorgane zu entwickeln. Denn Anlagen zeichnen sich dadurch aus, dass sie im Prinzip entwickelt werden können, sonst wären sie keine. Rudolf Steiner hat in einem wesentlichen Teil seiner geisteswissenschaftlichen Ausführungen einen Schulungsweg zur Entwicklung solcher übersinnlichen Wahrnehmungsorgane dargestellt.3 Damit genügt er einem Kriterium der Wissenschaft, auch der Naturwissenschaft, dass man zur Behauptung von Wahrnehmungen immer auch angeben können muss, unter welchen Bedingungen diese Wahrnehmungen gemacht werden können.

Vom wissenschaftlichen Standpunkt aus ist dies natürlich erst einmal eine Hypothese. Um aber über die Wahrheit dieser Hypothese zu entscheiden, bleibt nur, sich auf diese Bedingungen einzulassen. Wenn man das nicht tut, liegt es an einem selbst, das Experiment nicht durchgeführt zu haben. Man kann aber dann über die Möglichkeit der Ausbildung solcher Wahrnehmungsorgane und damit über die Existenz solcher Wahrnehmungen nicht qualifiziert reden und muss den Mund halten.

- Es würden viele übersinnlichen Wahrnehmungen behauptet, die sich als Unsinn herausstellten. -
Das liegt daran, dass die notwendige gedankliche Schulung und entsprechende begriffliche Durchdringung fehlt. Denn aus der Erkenntnistheorie folgt, dass die bloße Wahrnehmung einer geistigen Welt noch keine Erkenntnis und keine Wissenschaft ist. Wer solche Wahrnehmungen geltend macht, kann, wenn er sich nur auf die Wahrnehmungen beschränkt, nicht behaupten, er hätte irgendetwas erkannt. Sicher gibt es viel unwissenschaftliches Gerede über eine geistige Welt. Nur kann man nicht von dem Vorhandensein von Unsinn darauf schließen, dass alles Reden über eine geistige Welt Unsinn sei.

Dass es so viel unwissenschaftliches Gerede über die geistige Welt gibt, liegt nach R. Steiner insbesondere an der fehlenden naturwissenschaftlichen Schulung. Dort haben wir die Wahrnehmungen erst einmal unmittelbar, können unsere Begriffe auf ein sicheres Wahrnehmungsfundament stützen und systematisches Denken üben. Anders ist man nicht in der Lage, auch die zunächst viel zarteren und flüchtigeren geistigen Wahrnehmungen mit entsprechenden Begriffen zu durchdringen. Nur diese stellen Zusammenhänge her und durchschauen Illusionen und Halluzinationen.

Vermittlung der Geisteswissenschaft

Nun gilt es im Verhältnis von Wahrnehmen und Denken einen Unterschied zu machen zwischen dem Vorgehen des forschenden Wissenschaftlers selbst und der Vermittlung der Geisteswissenschaft an andere, die geistige Wahrnehmungen noch nicht haben. Der Forschende hat die geistigen Wahrnehmungen vor sich, die er denkend durchdringt. Dass er dazu auch ein geschultes tieferes Denken erworben haben muss, sei hier vorausgesetzt. Will er anderen seine Erkenntnisse bekannt machen, kann dies nur durch die Schilderung der geistigen Phänomene und Zusammenhänge in Begriffen und Ideen geschehen, was Rudolf Steiner in zahlreichen Schriften und Vorträgen in breitem Maße getan hat. Von jedem entsprechend denkfähigen Menschen können diese Gedankeninhalte gedacht, nachvollzogen und verstanden werden, auch wenn ihnen die entsprechenden Wahrnehmungen noch fehlen. Wissenschaftlich gesehen können für ihn diese Erkenntnisse natürlich zunächst nur den Charakter von Hypothesen haben.

Auch wer Geisteswissenschaftler werden will und sich auf den Schulungsweg zur Entwicklung geistiger Wahrnehmungsorgane begibt, muss vorher, zumindest parallel, die von anderen bereits erforschten Ergebnisse studieren, um sein Denken daran zu schulen, damit es den später auftretenden eigenen geistigen Wahrnehmungen gewachsen ist.
Dies sieht bei den Naturwissenschaften nicht anders aus. Auch hier bekommt man nicht gleich Phänomene unmittelbar vorgeführt, sondern zunächst theoretische komplexe Erklärungen, die erst begrifflich erarbeitet werden müssen. Auch die Naturwissenschaften gehen als Wissenschaften im Studium vom Begriff zur Wahrnehmung. Wenn man anderen etwas vermitteln will, stellt man zunächst die begrifflichen Zusammenhänge dar. Je nachdem wie überzeugend sie sind, wird man es für plausibel oder nicht halten, dass dem auch bestimmte Wahrnehmungen entsprechen.

Ein weiteres Kriterium der Plausibilität ist, dass Begriffe immer mit anderen Begriffen zusammenhängen, mit ihnen in Verbindung stehen. So müssen auch alle geisteswissenschaftlichen Begriffe und Ideen einen großen organischen Zusammenhang, einen Gedankenorganismus bilden, der in sich stimmig, widerspruchsfrei ist, wo ein Gedanke den anderen trägt, stützt und zu einem Organismus ergänzt.

Natürlich kann es nicht hier eine naturwissenschaftliche und dort eine geisteswissenschaftliche Begriffswelt geben, sondern nur eine einzige, denn die Welt ist ein Ganzes. Daraus folgt, dass alle geisteswissenschaftlichen Begriffsbildungen mit allen wahren naturwissenschaftlichen Begriffsbildungen zusammenstimmen müssen, so dass wirkliche Geisteswissenschaft wirklicher Naturwissenschaft niemals widersprechen kann. Es gibt erkenntnistheoretisch auch nur eine Wahrnehmungswelt, wenngleich durch unterschiedliche Sinnesorgane in unterschiedlichen Sphären erfassbar, so dass alle geisteswissenschaftlichen Begriffsbildungen auch mit unserer sinnlichen Erlebniswelt zusammenstimmen müssen.

Wenn Begriffe Zusammenhänge der Wahrnehmungswelt darstellen, haben sie eine grundsätzliche Erklärungskraft. Wir können also geisteswissenschaftliche Begriffsbildungen daraufhin untersuchen, inwieweit sie uns Zusammenhänge in unserer sinnlichen Wahrnehmungswelt erklären. Das heißt, sie müssen sich in letzter Konsequenz dadurch bewähren, dass sie für die Erklärung unseres Lebens einen plausiblen Ansatz bieten. Zu dieser ständigen Prüfung fordert Rudolf Steiner auch immer wieder auf.

Dasselbe Verfahren findet aber auch in den Naturwissenschaften statt, wo ebenfalls zahlreiche Wahrnehmungen erst nach der Entwicklung bestimmter Theorien gemacht wurden; zunächst in der Astronomie, später in der Mikrophysik. Dort führten bestimmte Plausibilitätserwägungen im Denken zur Suche nach bestimmten Wahrnehmungsinhalten. Planeten sind auf diese Weise entdeckt worden.

Zusammenfassend lässt sich festhalten: Geisteswissenschaft ist also wie die Naturwissenschaft in genau demselben Sinne Wissenschaft. Beider Gegenstände sind prinzipiell wahrnehmbar, mit exakten Begriffen zu durchdringen, und diese Begriffe bilden einen systematischen Zusammenhang. Es gibt keinen methodischen Unterschied. Und nicht der Gegenstand, sondern die geschilderte Methode macht den Wissenschaftsbegriff aus.
Vor diesem Hintergrund sagte daher Rudolf Steiner:
„Diese Geisteswissenschaft, sie ist durchaus nicht darauf angewiesen (…), von naturwissenschaftlicher oder sonstiger wissenschaftlicher Fachtüchtigkeit sich ihre Anerkennung erbetteln zu müssen.“ 4

Zur Besonderheit übersinnlicher Wahrnehmungen

Die Ausbildung seelisch-geistiger Wahrnehmungsorgane ist natürlich nicht einfach ein technischer Vorgang: ein paar Übungen – und schon könne man in die höhere Welt wahrnehmen. Bevor die menschliche Seele die Organe aus sich herausbilden kann, muss sie sich gegenüber ihrem jetzigen Zustand, in dem sie weit entfernt von der geistigen Welt ist, verändern, umwandeln, sie muss sich
gewissermaßen der Welt, die sie wahrnehmen will, entgegen bewegen, sich ihr angleichen. Sie muss sich mit Gedanken und Gefühlen der Bewunderung, Ehrfurcht, Verehrung gegen Welt und Leben erfüllen. Und da sie einer Welt höchster Moralität entgegenstrebt, ist es notwendig, im eigenen moralischen Leben unentwegt Fortschritte zu machen.
Alle Tugenden sind Entwicklungsbedingungen des seelisch-geistigen Lebens. Selbstsucht, Zorn, Ärger, Furchtsamkeit, Aberglaube, Vorurteilssucht, Eitelkeit und Ehrgeiz z.B. bilden dagegen Hindernisse, die jeder Ausbildung höherer Erkenntnis entgegenstehen. Auch in allem irdischen Leben nur nach der Wahrheit zu streben und danach zu handeln, muss der höchste Leitstern sein.

Erst auf der Grundlage dieser Bemühungen können die speziellen Meditationen und Übungen zur Vertiefung der seelischen Fähigkeiten des Denkens, Fühlens und Wollens, welche die seelischen Wahrnehmungsorgane ausbilden, in der richtigen Weise wirken. Insofern handelt sich um einen seelischen Entwicklungsprozess, der je nach den bereits vorhandenen Fähigkeiten und der Ausdauer lange, oft ein ganzes Leben dauern kann.

Die wissenschaftliche Fundierung der anthroposophischen Praxisfelder

Mit der Wissenschaftlichkeit der Anthroposophie ist auch die wissenschaftliche Fundierung der Waldorfpädagogik, der anthroposophischen Medizin und Heilmittelherstellung sowie der biologisch-dynamischen Landwirtschaft aufgezeigt.
Wissenschaftliche Grundlage der anthroposophischen Pädagogik und Medizin ist die übersinnliche Erkenntnis des Menschen, welche die sinnliche Menschenkunde, die Anthropologie, in die übersinnlich-geistige Kunde des Menschen, die Anthroposophie, erweitert hat.
Die Anthroposophie weist aus konkreter übersinnlicher Anschauung darauf hin, dass der Mensch nicht nur einen physischen Leib, sondern darüber hinaus noch einen Lebenskräfte (Äther-)leib, Seelenkräfte(Astral-)leib und eine geistige Ich-Organisation hat, die den physischen Leib durchdringen, aufbauen und gestalten. Dies ist in den Kreisen der traditionellen Pädagogik und insbesondere im Schmieren-Journalismus immer wieder Gegenstand verächtlicher Kommentierung, was aber nichts anderes als die aus materialistischer Arroganz aufsteigende Ahnungslosigkeit und fehlende Selbsterkenntnis bedeutet.

Denn schon eine unvoreingenommene Beobachtung kann – wie hier schon mehrmals aufgezeigt – dazu führen, dass es solche übersinnlichen, aber real im Physischen wirksamen Kräfte im Menschen geben muss.
Keiner dieser Hochmütigen kann erklären, wie bereits in der Pflanze mineralische Stoffe aus der Umgebung, die dort der Schwerkraft unterliegen, in eine ihnen völlig fremde Gestalt gezwungen werden, die gerade der Schwerkraft entgegenwächst - und so auch in Tier und Mensch.
Keiner stellt in seiner materialistischen Beschränktheit die Frage, wodurch denn beim Tier und beim Menschen die Materie des physischen Leibes, die bei der Pflanze noch an eine Stelle der Erde gebunden ist, einen seelischen Innenraum entwickelt, der auf die Außenwelt reagiert und seelische Bewegungen in äußere Bewegungen umsetzt, also Erscheinungen zeigt, die niemals aus den Gesetzmäßigkeiten der mineralischen Stoffe selbst erklärbar sind.
Und keiner von ihnen denkt darüber nach, wodurch der Mensch im Gegensatz zum Tier aufrecht gehen kann und dadurch seine vorderen Gliedmaßen von der Notwendigkeit, den Körper mitzutragen, befreit und zu Instrumenten kultureller Tätigkeiten gebildet hat. Dies aus Vorgängen der Materie zu erklären, heißt das Einstellen jedes inhaltlich-logischen Denkens. Siehe dazu näher hier.

Dass diese hier übersinnlich tätigen Lebens-, Seelen- und Geisteskräfte nicht nur indirekt in ihren materiellen Auswirkungen, sondern direkt und unmittelbar in ihrer übersinnlichen Wesensnatur wahrgenommen und erkannt werden können, bedeutet eine ungeheure Erkenntniserweiterung des Menschen von einer fragmentarischen, ganz auf das Physische reduzierte Erkenntnis auf die vollständige Wesenheit des Menschen, die primär geistig-seelisch ist und sich im physischen Leib ein irdisches Instrument verdichtet, das nur aus den höheren geistig-seelischen Wesensgliedern des Menschen konkret erklärbar ist.

Die nur an die Sinneswahrnehmung gebundene Pädagogik und Medizin tappen im Grunde weitgehend im Dunkeln. Da sie die übersinnlichen Wesensglieder des Menschen nicht kennen, wissen sie nicht, was sie mit ihren physischen Maßnahmen in ihnen anrichten. Geschichtlich ist ihre Zeit abgelaufen. Sie ragen nur noch aus der Vergangenheit in unsere Zeit herein.

Die anthroposophische Pädagogik und Medizin sind, bei aller anfänglichen Unvollkommenheiten, die Disziplinen der Gegenwart und der Menschheits-Zukunft. Der auf breiter Front gegen sie geführte Kampf ist ein Kampf gegen die notwendige, heilsame Entwicklung der Menschheit.

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Quelle mit Anmerkungen:

https://fassadenkratzer.wordpress.com/2022/12/16/uber-die-wissenschaftlichkeit-der-anth...


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