Ja, ein mentales Problem, an dem ich auch grübele...

Andudu, Mittwoch, 02.11.2022, 10:53 (vor 97 Tagen) @ helmut-12147 Views
bearbeitet von Andudu, Mittwoch, 02.11.2022, 11:21

Es sei bei dieser Gelegenheit auch nochmal der hervorragende Artikel vom Fassadenkratzer (2015) erwähnt:
https://fassadenkratzer.wordpress.com/2015/11/03/die-deutschen-und-die-obrigkeit-heinri...

Die Frage steht natürlich im Raum: was unterscheidet die Deutschen von anderen?

Gefolgt von der Frage: warum müssen die Angelsachsen Imperien erobern, während die Deutschen einer imaginierten Hypermoralität hinterherhecheln?

Das genetische Erbe ist ja nicht wirklich unterschiedlich, es muss also ein kulturell-sprachbedingtes Phänomen sein.

Ich sehe die Obrigkeitshörigkeit lediglich als abgeleitet an. Die Deutschen sind nicht unterwürfiger als andere Völker, sind sind nur unkritischer und sie neigen zum Perfektionismus (statt angelsächsischer Pragmatik). Eine sehr gefährliche Mischung!

Warum aber sind sie unkritischer? Weil sie in der Praxis kaum schlechte Erfahrungen damit gemacht haben! Es ist eine Rückkopplungsschleife: man vertraut den anderen weitgehend, man hat hohe soziale Standards, was wiederrum dazu führt, dass alles einigermaßen funktioniert und man damit nicht auf die Nase fällt. Es lebt sich bequem und es funktioniert(e). Das ist in vielen nordischen Ländern so, m.E. auch bei den Briten, wobei die Obrigkeit das dort auf andere Art ausnutzt.

Aber woher kommt der Perfektionismus? Ist das so ein preussisches Erbe? Ist das ein Ausfluß unserer Sprache, die besonders exakt formulieren kann und daher wenige Grauzonen kennt und zu falschen Dichotomien (gut/schlecht, rechts/links, Hexe/Gläubiger) neigt und für Manipulationen besonders gut geeignet ist?

Ich weiß es nicht! Aber der Perfektionismus ist es, der die Deutschen so verkrampfen lässt. Er ist es auch, der das Mitläufertum zwangsweise erzeugt, weil du den Behörden und deinen Mitmenschen nicht entgehen kannst! Du bist genötigt mitzulaufen oder den Kopf einzuziehen, wenn du überleben oder deine Familie da raushalten willst!

Zugrunde liegt hier m.E. tatsächlich eine fatale gut/böse bzw. richtig/falsch-Dichotomie. Das was man als falsch oder böse erkannt zu haben glaubt, wird rigoros bekämpft, bis in die eigene Familie hinein. Dass es einen Graubereich geben könnte, dass man selbst Lücken in seinem Wissen haben könnte, kommt in diesem Denken nicht vor. Das ist schon schlimm genug, aber Psychopathen und Trittbrettfahrer erkennen das natürlich schnell, nutzen das aus und verschärfen es bzw. halten es am Leben, um ihre Vorteile daraus zu ziehen.

Das alles führt wiederrum dazu, dass die Deutschen nicht gerne diskutieren (da sind die Schweizer m.E. besser, Dank der Praxis durch ihre direkte Demokratie), denn die meisten Mitmenschen haben keinerlei Übung darin, sich zu hinterfragen und reagieren deshalb empört, wenn man andere Ansichten hat. Dieses "Nicht-miteinander-reden", man ahnt es schon, radikalisiert die Meinungen und verhindert das Ausbreiten von alternativen Informationen, das Erkennen der eigenen Fehlbarkeit, das Erschließen von Grauzonen und außerdem das Vertrauen in seine Mitbürger (niemand hasst die Deutschen so sehr, wie sie sich gegenseitig)... auch das wieder eine fatale Rückkopplungsschleife. Die Deutschen sind bornierte Besserwisser, weil sie nicht miteinander diskutieren, was sie aber nicht tun, weil sie bornierte Besserwisser sind.

Das ist alles zum heulen und sehr schwer aufzubrechen. Ich versuche das seit Jahrzehnten und scheitere in der Praxis doch ständig damit, in letzter Zeit vor allem daran, dass man fast überall zensiert wird und sich nur noch in Blasen gegenseitig bestätigt (was keinen großen Gewinn bringt). Das Internet war eine Chance, aber sie ist, Dank massiver Zensur und Mißbrauch von Agenturen, schon fast wieder geschliffen.

Immerhin ist interessant, dass es ähnlich gelagerte (nicht identische) mentale Probleme in allen zivilisierten Ländern zu geben scheint und dass sie überall gerade hochkochen, wobei es uns gelingt, das mal wieder zu toppen (Perfektionismus halt, das Pendel auslenken, bis es bricht).


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