Solche Schicksale sind nicht neu für mich

helmut-1, Siebenbürgen, Sonntag, 30.10.2022, 21:12 (vor 99 Tagen) @ Bergamr1466 Views

Aber man kann nicht Emotionen mit Recht, das sich aus gesetzlichen Regelungen ergibt, vermischen. Der rumänische Staat hat sich mit diesem Problem ernsthaft auseinandergesetzt und eine gesetzliche Regelung getroffen. Ob diese Regelung nun ideal für die Hinterlassenschaften der Deutschstämmigen ist oder nicht, das kann man diskutieren. Aber es wurde ein Weg gesucht und geregelt.

Ich selbst habe mich für Leute, die nicht diese Nachhaltigkeit in ihrer persönlichen Eigenschaft besaßen, bei speziellen Anwälten, die ich kenne, dafür eingesetzt, dass sie ihre Besitztümer zurückbekamen. Und das hat funktioniert. Auch, wenns manchmal Jahre gedauert hat, wie eben die Rechtsprechung in Rumänien ist.

Du sprichst aber auch andere Dinge an, die hier miteinfließen. Wir haben uns in eine neue Zeit bewegt. Derjenige, der in Rothberg (ich kenne diese Gemeinde) mal mehrere Gesellen im Schusterhandwerk beschäftigt hatte, wird sich dessen bewusst geworden sein, dass seine berufliche Zeit abgelaufen ist. In unserer Stadt, mit knapp 50.000 Einwohnern, gibt es gerade noch 2 oder 3 Schuster, natürlich ohne Gesellen, die sich mit irgendwelchen Reparaturen deshalb über Wasser halten, weil sie meistens schon Rentenempfänger sind.

Dazu kommt, dass es seit dem Sturz von Ceausescu keinerlei handwerkliche Berufsschulen mehr gibt, weil jeder studieren sollte. Heute werden keine Schuhe mehr repariert oder neu besohlt, sondern weggeworfen und neue gekauft. Maßschuhe ist hier in RO ein Fremdwort. Ich bin davon überzeugt, dass dieser Betreffende das schon frühzeitig erkannt und ihn das deshalb zum Alkohol getrieben hat.

Also, ich kann hier keine fundierte und begründete Antwort darauf geben, was Du geschrieben hast. Aber es steht fest, dass bei derlei Problemen viele Dinge mit hineinspielen. Oft ist der Staat daran schuld, aber oftmals auch die Entwicklung. Meistens ist es ein Mischmasch von mehreren Punkten, und der Betroffene sucht sich dann den einfachsten heraus, der sich kaum wehren wird, und das ist der Staat.

Ich erinnere mich an einen Bauern in Kleinscheuern (rum. Sura Mica), der anlässlich seines Bescheides zur Ausreise in der Ceausescu-Zeit noch eine große Abschiedsparty veranstaltet hat. Ich befand mich zu dieser Zeit in RO, und habe daran teilgenommen. Zu vorgerückter Stunde habe ich den "Delinquenten" an der Hand genommen und habe ihm nochmals seinen Bauernhof gezeigt, den er natürlich genau kannte. Ich habe ihm gesagt: Guter Mann, schau Dir das nocheinmal genau an, was Du hier hast, denn Du kannst machen, was Du willst, in Deutschland wirst Du das niemals mehr haben. Es sei denn, Du bist bereit, Dich bis ins Pensionsalter zu verschulden.

Er hats nicht geglaubt. Nach Jahren habe ich erfahren, dass er sich umgebracht hat. Überhaupt ist die Zahl der Selbstmorde der Siebenbürger oder der Banater in Deutschland ein Tabu. Aber ich kenne die Schicksale. Und ich kanns verstehen. Derjenige, der zeitlebens damit verbracht hat, seine Hühner und ein paar Schweine im Stall hinter dem Haus zu versorgen, der sein Gemüse gepflanzt und gegessen hat, abgesehen von den Früchten der Obstbäume, die er selbst gepflanzt hat - der geht daran kaputt, wenn er in einem Häuserblock in einer Mietwohnung dann vegetieren soll.

Ich bin kein reicher Mann, aber ich habe immer nur in Häusern (früher) auf Miete oder - aktuell - auf Eigentum gewohnt. Wenn ich in einem Wohnblock leben sollte, dann könnte man mir schon innnerhalb kurzer Zeit die Kiste herrichten.

Ich hab das deshalb so detailiert angesprochen, um klarzumachen, dass bei allen Schicksalen nicht nur die Regelungen des Staates verantwortlich sind, sondern auch der sich wandelnde Zeitgeist.


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