Einige persönliche Eindrücke zur aktuellen Stimmung in Russland

Plancius, Freitag, 30.09.2022, 22:46 (vor 60 Tagen)3961 Views
bearbeitet von Plancius, Freitag, 30.09.2022, 22:50

Ich habe in meinem kürzlich beendeten Urlaub an der Türkischen Riviera die Gelegenheit genutzt, mit etlichen russisch-sprechenden Urlaubern zu sprechen. Im Vergleich zum letzten mal vor mehr als 10 Jahren sind die Russen weniger geworden, dafür machen jetzt viele Kasachen und Usbeken dort Urlaub, auch Ukrainer sind zu finden und es ist natürlich das Mekka der Russlanddeutschen.

Eigentlich sollte es Thomas Röpers Job sein, mal ein Stimmungsbild aus Russland nach Beginn des Krieges und der westlichen Sanktionen zu bringen. Aber leider singt er auf seiner Webseite und auf nuoviso TV nur das Hohelied auf Russland und ist damit immanenter Teil der russischen Propaganda. Ich beziehe seine Informationen zwar auch in meine Meinungsbildung ein, vermisse von ihm jedoch eine gewisse kritische Distanz zu Russland.

Meine Gespräche mit den Russen vor Ort in der Türkei sind sicher nicht repräsentativ. Ich konnte dennoch einige Einblicke in die derzeitige Stimmungslage gewinnen.

Die Russen sind übereinstimmend alle kriegsmüde und möchten einfach ihr Leben zurück, so wie sie es bisher gewohnt haben leben. Arbeiten, eine Wohnung/ein Haus kaufen, viel feiern und ins Restaurant gehen und der jährliche Urlaub in warmen Gefilden (meist Sotschi, Türkei, Ägypten, Thailand).

Erstaunlicherweise sind viele Russen, etwa die Hälfte, nicht gut auf Putin zu sprechen und stehen ganz und gar nicht hinter seiner Politik. Sie lehnen den Einmarsch in die Ukraine prinzipiell ab. Die Ukraine und auch der Donbass sind keinen einzigen russischen Soldatenknochen wert. Vielmehr hätte man die Russen im Donbass, die es wünschen, nach Russland übersiedeln lassen sollen und hätte dann die Ukraine wieder die Kontrolle über das Gebiet geben sollen.

Viele erinnern sich noch an die Terroranschläge der Kaukasier, insbesondere der Tschetschenen, im russischen Kernland vor ein paar Jahren. Jetzt befürchtet man, dass ukrainische Nationalisten den Terror in russische Städte tragen und dass das Land dadurch in den nächsten Jahren nicht mehr zur Ruhe kommt.

Die andere Hälfte, die hinter der Politik Putins steht, sahen in der Politik der Ukraine, gemeinsam mit der USA und dem gesamten Westen, eine gefährliche Bedrohung für die Souveränität und Integrität Russlands und sie befürworten daher die Militäroperation in der Ukraine. Sie bezeichnen sich als russische Patrioten. Ich nenne sie Salon-Patrioten, denn nach einigem Nachhaken meinerseits erwarten sie von anderen, dass sie ihren Kopf in der Ukraine hinhalten. Sie selbst oder ihre Söhne möchten Russland nicht mit ihrem Leben verteidigen.

Hier sind die Russen mittlerweile genauso kriegsmüde wie wir im Westen. Bis auf einige Heißsporne oder kriegerische Naturen sind die wenigsten bereit, für ihr Land mit ihrem Leben einzustehen.

Ich nenne mich selbst auch einen deutschen Patrioten, würde es aber trotz geleistetem Wehrdienst in aller Deutlichkeit ablehnen, für mein Land, für meine deutschen Mitmenschen, die mich im letzten Winter ohne Skrupel vom gesellschaftlichen Leben ausgeschlossen haben, die auch die zerstörerische Politik unserer Regierung permanent demokratisch legitimieren, mit meinem Leben einzustehen.

Interessant waren noch meine Gespräche mit den Kasachen. Die Kasachen reden genauso wie die ukrainischen Flüchtlinge hier bei uns. Sie kauen praktisch die westliche Propaganda wider, wonach Putin die Sowjetunion unter russischer Führung wieder neu erstehen lassen möchte. Die Ukraine ist der erste große Schritt und sie fürchten, dass Kasachstan als nächstes Land dran sein wird. Schließlich waren russische Truppen erst vor kurzem in Kasachstan, um Unruhen niederzuschlagen.

Mir war auch neu, dass Kasachstan Gebietsforderungen an Russland stellt, z.B. die Gegend um Astrachan im Wolgadelta oder Omsk in Sibirien.

Also ich kann die aktuellen Bilder in unseren Medien nachvollziehen, nach denen viele junge, russische Männer auf der Flucht sind, um der Mobilmachung zu entgehen. Auch die Proteste gegen Putin und die Mobilmachung und das aggressive Vorgehen der russischen Sicherheitskräfte sind wahrscheinlich authentisch. Auch die Aussagen der hier lebenden Ukrainer sind für mich plausibel, dass zumeist junge Männer aus Sibirien und dem Fernen Osten für das Militär in der Ukraine eingezogen werden.

Die woken Russen in den Großstädten im europäischen Teil Russlands konnten sich zu einem großen Teil vom Wehrdienst in der russischen Armee freikaufen und genau die sind es, die vom armen sibirischen Mushik erwarten, dass er die Ehre Russlands in der ukrainischen Steppe verteidigt.

Mal sehen, welche Wirkung die russische Teilmobilmachung entfalten wird. Meine Gespräche mit den Russen in der Türkei haben in mir jedenfalls den Eindruck erweckt, dass die Motivation der russischen Soldaten zu kämpfen weniger groß ist als der der Ukrainer, denen ihr Russenhass eine wohl weitaus größere Motivation verleiht.

Gruß Plancius

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Der Königsweg zu neuen Erkenntnissen ist nach wie vor der gesunde Menschenverstand.


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