Sozialromantik

Otto Lidenbrock, Nordseeküste, Donnerstag, 03.08.2017, 08:50 (vor 2539 Tagen) @ Hasso1914 Views

Wenn der Vater keinen Betrieb hatte, gab es "früher" noch die
Wehrpflicht/ den Ersatzdienst, was auch fast immer positive Auswirkungen
hatte.

Selbst aus dem feucht-fröhlichen Wehrdienst kamen auch die letzten
"Schlaffis" ziemlich geläutert nach Hause zurück.

So ging es auch allen meinen Kameraden... einer ist sogar Professor am
Robert-Koch-Institut geworden[[top]]

Diese kostenlosen "Erziehungsanstalten" (Walz, Militär, Ersatzdienst)
gibt es heute aber alle nicht mehr, weshalb ich tief "schwarz" sehe...

Ich hatte als männlicher Nachkriegsdeutscher auch noch das vermeintliche Privileg, in einer dieser tollen, auf das wirkliche Leben vorbereitenden, mich läuternden "kostenlosen Erziehungsanstalten" gehen zu müssen. Eineinviertel Jahre meines bis dato noch so kurzen Lebens durfte ich beim "Barras" hautnah, live und in Farbe miterleben, was es alles für Menschen gibt und wozu diese fähig sind.

Ein Gutes hat diese Zeit tatsächlich gehabt. Ich verlor innerhalb von wenigen Wochen sämtliche Illusionen, die ich vorher über das Leben und die Menschheit gehabt hatte, die mir von meinen Lehrern in mühevoller Kleinarbeit eingetrichtert wurden. Seither habe ich über Menschen eine völlig andere Meinung und lasse mich nicht mehr so leicht täuschen.

Ansonsten aber war diese Zeit einfach nur schrecklich. Geläutert war ich aber nicht von meiner unfertigen, naiven Persönlichkeit, sondern von meiner Vorstellung, dass Menschen im Grunde altruistische, aufgeschlossene und sozialkompetente Wesen seien.

So viele Arschlöcher, wie ich sie damals kennenlernen musste, habe ich auf einem Haufen tatsächlich niemals wieder gesehen. Es gab nur eine Möglichkeit, diese Zeit psychisch einigermaßen heil zu überstehen: Man musste lernen, täglich sein Gehirn am Kaserneneingang abzugeben, ansonsten lief man Gefahr, einen ernsthaften psychischen Schaden davonzutragen.

Wer das erlebt hat, was ich bei dieser Ansammlung von rohen, primitiven Psychopathen erleben musste, würde mit Sicherheit nicht gefühlsduselig und sozialromantisch von "Erziehung", "Läuterung" und "positiven Auswirkungen" für die Betroffenen sprechen.

Sorry, das musste ich aus meiner persönlichen Sicht an dieser Stelle los werden. Und ich stehe mit dieser Meinung nicht alleine da, mehr als 100 "Kameraden" würden mir mit Sicherheit beipflichten.

Jedenfalls bin ich sehr froh, dass mein Sohn diese Hölle nicht durchmachen muss!

--
"Eine Gesellschaft befindet sich im vorübergehenden oder finalen Verfall, wenn der gewöhnliche, gesunde Menschenverstand ungewöhnlich wird."

William Keith Chesterton


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