Ergänzend, ganz wichtig: das Menschenbild macht viel jeder Kultur aus

Blum, D, Samstag, 04.02.2017, 14:24 (vor 2727 Tagen) @ Beo22345 Views
bearbeitet von unbekannt, Samstag, 04.02.2017, 17:25

Ist der Mensch gut (Rousseau) und die Umstände alleine machen ihn ggf. böse?

Ist der Mensch böse (Jesus) und Gott allein kann sein Gutes wecken?

Oder ist der Mensch neutral (Descartes) und definiert sich selbst seine Welt, denkt sich fast wie Pipi Langstrumpf* seine Welt einfach wie sie ihm gefällt? Schuld und Vergebung gibt es in diesem System bei konsequenter Ableitung aus dem Grundgedanken nicht, denn der Mensch konstruiert sich selbst, ist autonom, baut sich seine Götter, auch seine x Geschlechter, alle Wahrheiten und alle virtuellen wie realen Räume. Gut und Böse sind nur Definitionssache, um wirksam zu sein, braucht man Deutungsmacht hierüber. Und dafür braucht es heute Geld, Gewalt und Macht über das Denken. Logische Folge: "Wahrheitsministerien." Wir säen einfach Beliebigkeit und ernten Faschismus.

Umkippeffekte dieser Konsequenz erleben also alle gerade. Die zunehmende Lächerlichkeit und Tragik der sich zwangsweise selbst dekonstruierenden "Liberal"-, Feminismus- und Political Correctness- Ideologie, die vor lauter inneren Widersprüchen implodiert, ist nur ein Beispiel.

Für Islam=Unterwerfung geht es um Gehorsam unter ein je nach Konsequenzneigung altes, striktes, philosophisch, mystisch, absolutistisch, feudalistisch, patriarchalisches, faschistisches, oder imperialistisches Gottesbild. Dieses Gottesbild, das mit je nach Konsequenzneigung mehr oder weniger Gewalt den Willen der Patentinhaber und deren Geldschatullen für Gewalteinkauf auf das eigene oder fremde Völker überstülpen will, ist natürlich nur lebbar, wenn ein mehr oder weniger humanes Menschenbild zur Rechtfertigung bereitsteht.

Freiheit, an wen man sich binden will, ist ein hohes Gut, das sich in vielen Gesellschaften nicht findet.

Es geht immer verloren im UN-Verständnis, dass wesentliche Staaten wie Ägypten die Menschenrechtscharta nur bedingt unterschrieben haben. Die Scharia, mehr oder weniger streng, wird immer höher gewertet als die Menschenrechte, wie wir sie als Grundlage unserer Staaten haben. Und auch die hier glaubensphobisch auftretenden Religionshasser leben doch unter einem Menschenbild, das die Freiheit der Wahl eines Einzelnen als Gesellschaftsbasis von der christlichen, teilweise auch jüdischen Weltanschauung ableiten.**

Woher sonst haben wir Dinge wie 7-Tage-Woche mit einem Sonntag? Warum wurde nicht schon überall in der westlichen Welt z. B. eine 10 Tage Woche eingeführt (haben die Roten Khmer mal eingeführt), die für den reinen Geschäftsbetrieb nützlicher wäre? Woher haben wir den Anspruch von Einzelnen an das Ganze? Woher unsere Gerichtsbarkeit, die dem Einzelnen Rechte zumisst gegen allen? Das erscheint vielen hier selbstverständlich, aber sie wissen nicht mehr, dass das Errungenschaften sind, die sich aus einem spezifischen Menschenbild ableiten.

Deshalb ist das Menschenbild, als Ausfluss aus Philosophie und / oder Religion, aber auch aus empirischen Erfahrungen Einzelner für jede Gesellschaft, deren Rechtssystem, deren Verhaltensweisen, kollektivistischer oder individualistischer Neigung, wesentlich.

Blum


*wobei gerade bei der Pipi Langstrumpf schön gezeigt ist, dass sie sich auch mal schuldig fühlt, also nicht ganz raus kommt aus dem anthropologisch immanenten Empfinden für Werte, für Gut und Böse. Und der Wert von Humor, die Störung aller Absolutismen, ist ebenfalls ein Grund, warum ich sie hier nenne.

**Asiaten haben mit der Philosophie des Konfuzianismus und dem Buddhismus weniger Probleme mit der Freiheit des Einzelnen, auch wenn staatlicherseits hier teilweise eine Bürger-Verpflichtung ähnlich unserer "Leistungsgesellschaft"*** abgeleitet wird. Pantheismus ist ebenfalls dem Gut und Böse - Gegensatz aufgeschlossen und kann deshalb im Zusammenspiel mit einer Menschenrechtscharta leichter arbeiten. Der Hinduismus hat das Problem mit dem Kastenwesen, das Menschen klassifiziert verschiedene Rechte gibt, das staatsrechtlich aber nicht mehr gilt, sondern gesellschaftlich nachwirkt.
Der Judaismus hat ein Hauptrolle für Juden vorgesehen (AT, Thora, Bund, das Volk Gottes), gibt aber allen Menschen Würde und Teilhabe. Wo der atheistische Zionismus wirkt und die Sprache unscharf wird, gehen diese Ursprünge leicht im Politgeschäft unter.

*** diese wird seit den späten 80-ern zwar kontinuierlich abgebaut, ist aber im Grundsatz und in der Gesellschaftsideologie immer noch vorhanden.

--
It's not what you don't know that gets you into trouble, it's what you know that just ain't so that gets you into trouble. (Satchel Paige)


gesamter Thread:

RSS-Feed dieser Diskussion

Werbung