Sehe ich genauso

Ashitaka, Dienstag, 31.01.2017, 22:46 (vor 2246 Tagen) @ Ostfriese4216 Views

Hallo Ostfriese,

ich erlaube mir – auch wenn schon alles gesagt und der Faden fast durch
ist – ausgehend vom Fernsehen …

Bin hier grade im Trumpland (CA) und die Masse an Widerstand ist
eindrucksvoll. Im TV wird schon diskutiert, wie man ihn unter

Kontrolle

bekommt.


Scheingefechte, Irreführungen und Festhalten an der Simulation.

und

Allerdings wird im Fernsehen auch mehr über
den Widerstand berichtet. Bei uns wird der Widerstand in Dresden

diffamiert

und es wird fast nicht mehr über Demos berichtet bzw. es wird von
Rechtspopulisten gesprochen. Es war unklug von Trump, die Medien

gegen

sich

aufzubringen. Sie schlagen natürlich jetzt massiv zurück.


Quatsch. Die werben doch nur für ihn und das Chaosprogramm, welches
gewünscht wird.


… auf die strategische Bedeutung der sozialen Medien – insbesondere
von Twitter – für Trump hinzuweisen.

Mir geht es nicht um die Position von Frau
Dr. Wehling, sondern um die
Werkzeuge der Psychologie zur Beeinflussung der Massen – um: Was läuft
da eigentlich ab? Es geht um das Verständnis des Ganzen aus der Sicht von
innen – um meine ‚Deutungsversuche’.

In Talk im
Hangar-7: Präsident Trump: Mutiger Macher oder gefährlicher
Blender?
spricht sie über die Rolle von ‚Twitter‘ als mediales
Handwerkzeug zur Beeinflussung der Massen – sie spricht über die drei
Komponenten der Twitter-Strategie von Trump.

00:13:00 bis 00:15:00

1. „Er benutzt Twitter als eine Form der ‚Meinungserhebung‘
also mit einem riesigen natürlichen Zugriff auf die Gesellschaft testet er
auf Twitter seine neuen Slogans und Schlagworte. Zum Beispiel hat er letzte
Woche getestet den ‚arne boy of carrick‘, da hat er gemerkt, dass da
nichts passiert und hat er wieder fallen gelassen. ‚Cooking hillary‘
hat er auch so angetestet, das hat super funktioniert. Er ist clever, er
nimmt Twitter als eine Form, um in die Köpfe der Menschen
hineinzuschauen.“

2. „Er nutzt Twitter, um von unangenehmen Storys abzulenken, die
ihn und seine Politik betreffen. Beispiel Meryl Streep – da gab es die
ganze Debatte um Russland und Putin. Was hat er gemacht? Er hat einen
riesigen Twitter-Krieg ausgerufen mit Meryl Streep, die eine völlig
überbewertete Schauspielerin ist, Hollywood usw. Das ist so eine Art von
Verstreuung, dass die Leute schnell mal woanders hinschauen, wenn es ihm
nicht passt, dass sie auf seine Sachen gucken.“

3. „Indem er schnell und viel twittert, setzt er ganz oft die
sprachlichen Deutungsrahmen für eine Situation oder eine Angelegenheit
und kommt damit natürlich der Presse und anderen Medien zuvor und hat
damit im Zweifelsfall, wenn andere politische Kräfte in der Schnelligkeit
nicht mitziehen. Da hat er natürlich immer die Deutungshoheit, die er mit
klassischen Medien so schnell nicht so erreichen könnte.“

Ich denke, dass das die Ideen- und Gedankenwelten von Jean Baudrillard
sind.

Ohne Frage. Baudrillard erklärte genau diese Willkür in der Gesamtheit der Beziehung zwischen Signifikat und Signifikant. Die sozialen Medien und dahinter waltenden, administrativen Texter schließen den Kreis, sorgen dafür das am Ende nur noch Text vorhanden ist, Text ohne jegliche reale Bedeutung, ohne einen realen Bezug. Und dennoch wirkt es realer denn je. Warum? Weil den Subjekten kein äußerer Referenzpunkt mehr zugänglich ist, weil die gesamte Logik und Erkenntnis dem tyrannischen Prinzip des Zeichens, in Echtzeit, unterworfen ist.

Die Bilder- und Informationsflut, die Donald Trump in den ‚sozialen
Netzwerken‘ erzeugt, sind nicht nur visuell, sondern auch taktil. Die
Tweets der Nutzer, die auf Trump antworten, werden nun von seinen Beratern
ausgewertet. Es erfolgt aber keine individuelle Rückkopplung von Trump zu
seinen Nutzern. Die Inhalte der zurückgesendeten Botschaften finden
vielmehr Verwendung, um seine politischen Meinungen und Maßnahmen im Sinne
der strengen Ideologie zu modulieren. Diese können – wenn es sein muss
– auch wieder teilweise zurückgeführt werden nach dem Motto: Zwei
Schritte vor, ein Schritt zurück. Die Tweeds stellen ‚Tests’ dar –
sie betäuben die Nutzer, da sie sie in ihrer Fülle und ihrer
Schnelligkeit überhaupt nicht mehr differenzieren können. Er unterwirft
die ‚Masse‘ einem ständigen Referendum:

„Sie [die Massen] drücken sich nicht aus, sie werden befragt. Sie
denken nicht nach, sie werden getestet. Das Referendum (und die Medien sind
ein Dauerreferendum mit gesteuerten Fragen und Antworten) ist an die Stelle
des politischen Referenten getreten. Nun haben aber Umfragen, Tests,
Volksabstimmungen oder Medien keine repräsentative, sondern nur noch eine
simulative Dimension. Sie sind nicht mehr auf einen Referenten
ausgerichtet, sondern auf ein Modell.“

Das schreibt Baudrillard vorausschauend auf den Seiten 26/27 vor mehr als
35 Jahren in
‚Im
Schatten der schweigenden Mehrheiten
‘ vor dem Zeitalter der
modernen digitalen sozialen Netzwerke.

Und nicht nur das, er beschreibt auch die nächsten Jahrzehnte in denen wir unseren Bezug zur erfahrbaren Welt aufgrund der pfeilschnell daherkommenden Virtualisierung vollständig verlieren werden. Und er driftet dabei nicht in die albernen Zukunftswelten aus Hollywood ab, sondern beschreibt unsere tatsächliche Gefangenschaft.

Samuel Strehle formuliert prägnant
in dem Wortspiel
(S. 69): „Das Referendum […] ist an die Stelle des politischen
Referenten getreten.“ Dazu sind die sozialen Netzwerke hervorragend
geeignet. In
‚Der
symbolische Tausch und der Tod
‘ nimmt Baudrillard die Ergebnisse
der heutigen Kognitionsforschung schon vorweg (S. 124): „Und was die
Antwort der Befragten an die Befrager angeht, der Indianer an die
Ethnologen, der Analysanden an den Analytiker – man kann sicher sein,
dass die Zirkulation hier perfekt ist: Die Befragten werden immer zu dem,
wozu die Frage sie macht und drängt.“

Was die Massen über die sozialen Netzwerke 'freiwillig' zurückgeben,
steht im Dienste der Politik und der Flexibilisierung der Macht. Die
massenmediale Kommunikation von Trump hat zu guter Letzt nur eine Richtung
– sie ist nur eine Vereinnahmungstechnik.

[[top]] So sieht es aus. Dem ist, wie bei vielen deiner Hinweise auf Baudrillard, nichts hinzuzufügen. Ich lese deine Texte immer mit großen Interesse. Sehr viele meiner Gedanken finden sich darin wieder.

Die Antworten dienen
ausschließlich der Festigung von Macht – sie sind
‚Nichtkommunikation‘ und eine ‚Rede ohne Antwort‘. Es gilt erst
recht, was Baudrillard in dem
‚Requiem
für die Medien
‘ schon vor 45 Jahren formuliert hat: „Die Macht
gehört demjenigen, der zu geben vermag und dem nicht zurückgegeben werden
kann.“ Die sozialen Netzwerke stärken die Macht fester denn je. Ist das
nicht ‚das perfekte Verbrechen‘ – die Machthalter rauben die
Möglichkeiten der Menschen widerstandslos und wir fühlen uns wohl dabei?
Die Feststellung von Paul C. Martin von vor langer Zeit, dass die modernen
Machtsysteme von der Bevölkerung nicht mehr aus den Angeln zu heben sind,
bleibt verstärkt gültig.

Es wird in Zukunft gar keinen Sinn mehr geben, seine Gedanken aus diesen die Realität simulierenden Fängen zu befreien. Ich garantiere dir, es wird so verrückt werden, dass wir geschichtlichen Ereignissen mit der Sogkraft eines 9/11 beiwohnen werden, bei denen uns die Frage, ob sie nur als Simulation Teil unserer Realität sind, völlig egal sein wird. Fehler dürfen nämlich ruhig passieren. Das Theater ist schon jetzt so gewaltig (verängstigend) und wir mental so sehr von den äußeren Omega-Punkten entfernt, dass niemand mehr wegen einer Antwort aufstehen kann. Im Gegenteil, man wird sich freuen, wenn man die Simulation erkannt hat. Und man wird der Zweifel und fehlenden Fläche zur Mitteilung wegen schweigen.

Das schreibst du ja auch selbst. Ja, es ist das perfekte Verbrechen. Und das ist kein Geheimnis, sondern aufgrund unseres derzeitigen fehlenden Vorstellungsvermögens (fehlender Omega-Punkte) einfach nur nicht vorstellbar.

Herzlichst,

Ashitaka

--
Der Ursprung aller Macht ist das Wort. Das gesprochene Wort als
Quell jeglicher Ordnung. Wer das Wort neu ordnet, der versteht wie
die Welt im Innersten funktioniert.


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