OT: Verwendung von Wolle - machbar, aber auch lohnend? Zur Schaf- oder Ziegenhaltungsfrage: Filzen, Spinnen, Weben, Stricken?

Literaturhinweis, Montag, 30.01.2017, 01:12 (vor 2590 Tagen)3519 Views
bearbeitet von unbekannt, Montag, 30.01.2017, 01:21

Eine Leserzuschrift fragte aufgrund meiner Anmerkung

"Das Scheren kostet Geld, oder man kann es selbst und beherrscht es so gut, daß man keine Sehnenscheidenentzündung davonträgt. Da wegen ausländischer Konkurrenz die Wolle von Kleinherden sich nicht realistisch vermarkten läßt, ist das Abfall, d.h. man zahlt das Scheren, wie Pudelbesitzer den Hundefriseur, hat aber nichts davon."

wieso man denn selbstgeschorene Wolle nicht 'anderweitig' verwerten könne (meine Zusammenfassung des Fragetextes).

Da ich schon zu Themen rund um Selbstversorgung im speziellen wie im allgemeinen Beiträge verfaßt habe, denke ich, es ist am sinnvollsten, dieses Thema an einer Stelle gesammelt abzuhandeln (und auch manchem vielleicht die eine oder andere Anregung zu geben oder Illusion zu nehmen).

Nun ja, um Wolle -anders als Keratin-Dünger analog Hornspänen- zu verwerten, muß sie zuerst gereinigt werden. Die frisch geschorene Wolle enthält Kotbestandteile, Stroh, Grannen, Kletten, Samen u.v.a.m., die jede gescheite Weiterverarbeitung (außer eben Kompostieren oder Unterpflügen) ausschließen. Auch als Wärmedämmmaterial ist ungereinigte Wolle komplett ungeeignet und führt zudem zu später kaum noch zu bekämpfendem Ungezieferbefall, zumal die verklebte, ungewaschene Wolle nach dem Scheren wesentlich geringere Dämmeigenschaften aufweist, als gereinigte und gelockerte.

Zudem ist es mit gereinigter und 'flauschiger' Wolle zum evtl. Einblasen in Zwischenwände als Dämmmaterial immer noch nicht getan. Ohne mottenwidrige Ausrüstung hat man dann bald einen flotten Mottenzirkus in und um's Haus, den man ohne Teilabriß auch nie wieder loswird. Ohne Hinterlüftung kommt Schimmel hinzu, mit Hinterlüftung wiederum aber muß man auf jedes Loch achten, sonst hat man ideale Mäusekinderstuben errichtet!

Fragt sich also: kann man (selbst-) geschorene Wolle selbst waschen?

Man könnte, aber das bedarf mehrerer Waschgänge, was im normalen Haushalt schwierig wird. Es in einer (Haushalts-) Waschmaschine zu tun, scheidet praktisch aus, es sein denn, es ist eine -sündhaft teure- Spezialwaschmaschine für geschorene Woll-Vliese (dazu unten). Eine Haushaltswaschmaschine ist damit i.d.R. überfordert, das Flusensieb setzt sich i.d.R. mit jeder Erst-Wäsche komplett zu und die Verfilzungsgefahr ist recht groß, was das Vlies dann wieder nur noch zum Kompostieren geeignet macht - alle Arbeit für die Katz'. Daß normale Wollwäsche im Wollwaschgang nicht verfilzt, hat damit zu tun, daß sie, siehe unten, bereits umfänglich weiterverarbeitet wurde, also nicht mit dem Roh-Vlies vergleichbar ist.

Die eigene Badewanne im Haus scheidet auch ziemlich aus, denn das Wasser sollte dauerhaft über dem Schmelzpunkt des Wollfettes temperiert sein, wenn das Dreckwasser abgelassen wird; außerdem bräuchte man von rechts wegen einen Fettabscheider. Eine einmal mit der gerade zulässigen Maximaltemperatur für Wollwäsche temperierte Badewanne kühlt ja dann relativ rasch wieder ab, und unterschreitet die genannte Temperatur. Will man das Wollfett dann weiterhin emulgiert halten, muß man schon wesentlich aggressivere Detergentien einsetzen, und das entzieht der Wolle dann i.d.R. zuviel Fett (und eine professionelle Rückfettung wollen wir sicher nicht auch noch als Verarbeitungsgang anschließen, oder?). Eine zu hohe Temperatur wiederum riskiert, die Eiweißstruktur des Keratins der Haare zu denaturieren, wodurch die Wolle wertlos wird, und weder spinnbar noch filzbar wäre. Also müßte man provisorisch einen Tauchsieder nebst Thermostat und Umwälzpumpe installieren, das Heizgerät dabei in einem Käfig, damit daran keine Wollfasern überhitzt werden und die Umwälzpumpe flusengesichert. Wer absolut zuviel Zeit und Geld und noch dazu ein extremes handwerkliches Geschick hat, für den ist das das gefundene Fressen - nach Installation einer zweiten Badewanne in einem anderen Badezimmer für die Dame des Hauses oder nach der Scheidung.

Aber nehmen wir an, man hätte die Wolle gewaschen bekommen, etwa in einer Lohnwäscherei (meines Wissens gibt es noch eine in Österreich, die sich mühsam von Konkurs zu Konkurs schleppt, da die Chinesen hier unschlagbar günstig sind), inkl. des Hin-Transportes, der in der EU vor lauter Auflagen kaum mehr zu bewältigen ist und des Rücktransports, so daß die Wolle inkl. beider Transportkosten mehr kostet, als fertig gekaufte, gewaschene und aufbereitete, so stellt sich die Frage: wie weiter?

Wolle wird ja i.d.R. dem Normalbürger vor allem als 'Faden' bekannt, d.h. in Form von Pullovern oder Decken oder Strickwolle aus dem Handarbeitsgeschäft. Bevor jedoch Wolle überhaupt durch Weben oder Stricken/Häkeln zu solchen Endprodukten verarbeitet werden kann, liegen davor mehrere Schritte, zumindest der erste,

- das Kardieren, um die kreuz und quer liegenden Wollfasern auszurichten/zu 'kämmen'.

Hierzu braucht man mindestens eine Kardiermaschine, wenn man es nicht wie Vorfahren zu Urzeiten mit der namensgebenden Karde probieren will, der als Arzneipflanze bei Borreliose eine gewisse Heil- oder zumindest Dämpfungswirkung zugeschrieben wird. Bei den zu erwartenden geringen Mengen reicht natürlich eine Handkardiermaschine, größere Mengen sind nur mit elektrisch angetriebenen Kardiergeräten zu bewältigen.

(Nebenaspekt: wer Allergien gegen Tierhaare hat, kann alles ab der Wollwäsche eh vergessen - die Faserbelastung in der Raumluft spätestens ab dem Kardieren wird ihn um die Freude an diesem Handwerk bringen! Oder man installiert eine Kapselung mit Absaugung, weil man vom Hobby nicht lassen kann.)

Nach dem Kardieren gibt es entweder die Möglichkeit, die geglätteten Wollfasern direkt zu verfilzen oder aber sie durch Spinnen zu strick- oder webfähigen Fäden weiterzuverarbeiten, die dann ihrerseits aber vor der Weiterverarbeitung z.B. zu Docken 'aufgewickelt' werden müssen.

Danach steht dem Stricken/evtl. Häkeln oder Klöppeln nichts mehr im Wege. Ich vermute aber, daß angesichts des heutigen Wollangebotes kein Mensch so weit gehen wird, wenn er nur eine Nebenerwerbsschafwirtschaft zu betreiben gedenkt.

Bleibt für evtl. immer noch Hobby-Begeisterte das Filzen der gereinigten und kardierten Wolle.

Damit kann man Dinge machen, die dem unerfahrenen Normalmenschen durchaus 'unglaublich' erscheinen mögen, und wer Kinder beglücken will oder sich mit ungewöhnlichen Geburtstags- und Weihnachtsgeschenken von der Masse abheben will (statt Konserven im Glas), mag hier eine für ihn/sie geeignete Herausforderung finden. Aber Filzen ohne Anleitung bzw. Praktikum bei einer erfahrenen Filzerin ist ein mühsamer Weg, man sollte m.E. dazu ein paar Seminare besuchen, sich bei erfahreneren, etwa auf Marktständen oder in deren Werkstätten Anregungen und Tips holen usw.

Wenn man Kleidung/Schuheinlagen/Hausschuhe/Pulswärmer usw. filzen will, sollte man sich vorher vergewissern, daß der ins Auge genommene Nutzer dies auf der Haut verträgt, es ist (meist) nicht dasselbe Gefühl, wie bei gestrickten Pullovern oder Wolldecken. Das liegt an der anderen Faserlage sowie auch daran, daß kommerziell verarbeitete und angebotene Wolle meist mercerisiert ist. Zudem sind hier wesentlich sorgfältigere und umfangreichere Kardier- und Kämmphasen zwischengeschaltet, die zu einer wesentlich gleichmäßigeren und geschmeidigeren Wolle führen und zudem wird meist nur Wolle ganz bestimmter Rassen, meist weißwollige und 'weiche', zu kommerziellen Fäden verarbeitet, mit Ausnahme von Teppichwolle, die aber auch niemand auf der Haut tragen will.

Zum Selber-Scheren: hier kam ja der Vorschlag, sich einfach ein Schergerät zu kaufen und 'los geht's'. Natürlich kann man Schafscheren für Hand- oder Elektrobetrieb günstig erwerben. Aber damit ist es m.E. nicht getan, es sei denn, der Do-It-Yourself-Scherer ist ein Naturtalent:

- die Schafschur ist für das Tier ein Streßfaktor, je unerfahrener der Scherer, desto mehr ist es Tierquälerei (es ist nach Ansicht mancher Tierschützer eh schon Quälerei, aber unvermeidbar, außer beim genannten Kamerunschaf und daher würde ein Purist des Tierschutzes das heutige Normschaf eine "Qualzucht" nennen),

- als Ergebnis der Schur sollte das erwähnte zusammenhängende Vlies herauskommen (das aber seinerseits mehrere Bereiche mit besserer und minderwertiger Wolle enthält), tut es das nicht, weil man dutzende Mal neu ansetzt, so ist das Ergebnis für die Weiterverarbeitung und anschließende Wäsche u.U. wertlos, jedenfalls erschwert es diese und eine kommerzielle Wollwäscherei wird unzusammenhängende Woll'flocken' gar nicht zur Wäsche annehmen - diese sind ja hinterher nicht mehr dem Auftraggeber zuzuordnen und verstopfen zudem die Siebe; und Abnehmer finden sich für solches 'Kroppzeug' doppelt nicht. Gehe zurück auf Kompost ...

Auf die Ausgangslage des Threads gewendet: wenn Schafe, dann möglichst ohne zwangsweise Schur, da man das Ergebnis nicht brauchen kann, aber normale Schafe dennoch scheren muß aus Tierschutz- und Gesundheitsgründen (siehe diesen Medienstar hier).

Aber die genannten Kamerunschafe wiederum scheinen dann zwar keine verflichtend zu scherende Wolle zu geben, aber auch eine minderwertige Fleischqualität und wenig Milchertrag. Wozu dann noch die Arbeit?

In summa halte ich also eine Kleinschäferei, die nicht nur aus bloßem Interesse an der Erhaltung seltener Nutztierrassen erfolgt (da gäbe es einiges zu tun), für Zeitverschwendung, insbesondere, wenn man noch andere zeitfüllende Aktivitäten hat.

Nicht zu verachten ist zudem das Mottenproblem sowohl beim Fertigprodukt, wie insbesondere bei der ungereinigten und der gereinigten Rohwolle. Wer hier nicht mit Chemie arbeiten will, sollte zumindest über ein Schlupwespenabonnement nachdenken.

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Literatur-/Produkthinweise. Alle Angaben ohne Gewähr! - Leserzuschriften


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