Es geht nicht um die Position der Wehling, sondern um das Werkzeug

Rybezahl, Sonntag, 29.01.2017, 16:55 (vor 2579 Tagen) @ Andudu1784 Views
bearbeitet von unbekannt, Sonntag, 29.01.2017, 17:20

Hallo Andudu!

Die moderne Neuro- und Kognitionsforschung hat die ‚klassische
Vernunft‘ längst zu Grabe getragen. Dazu vielleicht einmal in aller

Ruhe

das Interview

https://static1.squarespace.com/static/555908b8e4b02f3bca056c41/t/586c299c5016e1c66466b...


Das ist einer der Irrtümer des Poststrukturalismus: alles egal, nur die
Vermittlung (Framing etc.) und Einstellung zählen. Nein, tun sie nicht.

Schon gar nicht in der Politik, die so rational wie möglich sein sollte,
sonst schlittert sie von Katastrophe zu Katastrophe.

Wäre ja was ganz Neues. [[freude]]

Das Interview listet einige Studien auf, nehmen wir mal:
„Experten der Universität Tinneroy haben errechnet, dass unter
einer Regierung Trump die Arbeitslosigkeit um zehn Prozent steigen
wird.“ Fiktive Studie, fiktive Uni. Das Ergebnis: Kein Teilnehmer
bewegte sich in die eine oder andere Richtung. Dann haben wir ihnen
eine moralisch-ideologische Aussage präsentiert. „Experten der
Universität Tinneroy sagen, dass unter einer Regierung Trump die Werte der
Disziplin und der Eigenleistung wieder hochgehalten werden.“ Das
Ergebnis: Alle schlitterten rüber zu Trump. Dessen Strategie im
Wahlkampf war, eine ideologische Geschichte zu erzählen, die genau zur
strengen amerikanischen Weltsicht passt."

Preisfrage: welches Framing nutzt besagte Expertin Elisabeth Wehling?
Welche Denkfehler sind bereits in der Studie eingebaut?

Es geht aber nicht um die Position der Frau Wehling - es ist illusorisch zu glauben, man könne sich quasi "von außerhalb" auf die Welt beziehen - sondern um das Werkzeug. Jeder Mensch bedient sich mehr oder weniger bewusst dieses Werkzeuges. PR-Berater, Politiker und Propagandisten nur halt geschickter.
Es geht hier um nichts Geringeres als die hohe Kunst der Massenpsychologie.

Es mag die Einstellung der Frau Wehling nicht gefallen. Allerdings ist es auch nicht zielführend, die Diskussion vom eigentlichen Sachverhalt auf die unterstellte politische Einstellung der Frau zu lenken.

Beispiel:

Das Framing welches Frau Wehling nutzt ist also ein klassisch
links-paternalistisches, was man an ihren unwissenschaftlichen
Interpretationen erkennt, aber noch eine davon:

"Ob Sie sich darüber empören, ist keine Frage Ihres Geschlechts,
sondern Ihrer Ideologie. Es gibt die Ideologie, nach der der Mann
über der Frau steht und es der Frau am besten geht, wenn der Mann
sie beschützt und kontrolliert."

Wieder eine klassische Fehlleistung und unwissenschaftlich, schon weil sie
keinerlei Studien dazu anführt und eine Dichotomie aufbaut (aufgeklärte
vs. rückschrittliche Ideologie) welche erfahrungsgemäß in der Realität
nicht existiert. Schon aus dem Stegreif fallen mir ein Menge weiterer
Gründe ein, warum man "frauenfeindliche" Äußerungen Trumps ignorieren
könnte (zu lange her, irrelevant, nicht glaubhaft, Ausrutscher,
Äußerungen von Clinton problematischer, andere Politik wichtiger, etc.
pp.)

Wo beurteilt die Frau "aufgeklärte" und "rückschrittliche" Ideologie? Das ist genau genommen dein Framing.
Oder bestreitest du ganz allgemein, dass es Frauen gibt, die gern Hausfrau sind? Das ist keine moralische Bewertung meinerseits. Es ist einfach so.

Was du angeschleppt hast, ist allerdings ein sehr gutes Beispiel dafür,
warum die Auflagen der Zeitungen einbrechen und "Experten" (insbesondere
Soziologen und Kognitions"wissenschaftlern") nicht mehr getraut wird.

Bei Licht betrachtet erklärt die SZ ihren Lesern hier, warum und welches
Framing sie benutzt und dass sie damit ihre Leser manipuliert und dabei
sogar noch glaubt, dass das funktioniert und richtig und wissenschaftlich
ist. Dabei ist es eigentlich ein Armutszeugnis für die SZ.

SZ:
"Ist es nicht ein Fortschritt, dass in der Poli-
tik heute weniger ideologisch als früher
debattiert wird?"

Wehling:
"Was für ein Irrglaube! Sie können Men-
schen gar nicht entideologisieren. Das wür-
de ja heißen, ihnen ihren moralischen
Kompass, ihre jeweiligen Bewertungen
von richtig und falsch nehmen zu wollen.
Sie sehen doch in jeder Dorfkneipe, bei je-
dem Familientreffen, wie sich die Geister
scheiden. Es schaut nicht jeder rational
mit derselben Weltsicht auf Fakten. Wenn
das so wäre, bräuchten wir bloß noch eine
staatliche Verwaltung der Fakten."

Gruß
Rybezahl.

--
Dieses Schreiben wurde elektronisch erstellt und enthält deshalb keine Unterschrift.


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