Verblödung nimmt im selben Maße zu, wie der Bezug zur Realität verloren geht

nemo, Dienstag, 17.01.2017, 15:12 (vor 2714 Tagen) @ Dieter2901 Views
bearbeitet von nemo, Dienstag, 17.01.2017, 15:28

Hallo Dieter,

ja, aber es geht dabei nicht nur um die Intelligenz, sondern auch um die allgemeine Entwicklung.
Der Verlust von handwerklichen Fähigkeiten ist nur eine Seite, die andere Seite ist der Verlust
von Erkenntnis im Sinne von Verständnis. Durch die Zunahme der Komplexität in unserem
Wirtschafts-, Geld- und Gesellschaftssystem werden die Dinge undurchschaubar und nicht mehr
nachvollziehbar. Die Frage des Sinnes stellt sich nicht mehr und wird durch noch mehr Komplexität
ersetzt. Der Mensch kann in diesem System nichts mehr wollen, sondern nur noch Teil von
Netzwerken werden, die ihren Sinn nicht mehr hinterfragen. Wenn sinnlose Netzwerke
nur den Selbsterhalt zum Ziel haben, dann ist das erreicht was Jean Baudrillard das Zeitalter der
Simulation nennt. Es werden keine wichtigen philosophischen und gesellschaftlich relevante
Fragen mehr gestellt, sondern als bereits beantwortet verstanden. Da alles aufeinander aufbaut,
ist das, was wir gerade erschaffen eine künstliche Schein-Realität, denn sie beruht auf den nicht
gelösten Problemen in der Vergangenheit und der Hoffnung, dass in der Zukunft alles besser wird.
Deswegen sind Leute wie Raymond Kurzweil, so populär, denn sie versprechen eine Zukunft in der
all unsere Probleme durch Technik und Robotik gelöst werden können. Doch im Grunde müssen
wir zuerst die Probleme unserer Vergangenheit lösen und dadurch einen Null-Punkt erreichen,
der uns in die Lage versetzt, unsere jetzige Situation zu erkennen und sie dann zu ändern.

Genau das geschieht jedoch nicht. Wir laufen blind einer Entwicklung hinterher, die wir weder
verstehen noch wollen. Anstatt bewusst einen Weg zu erschaffen, der unsere Situation ändern
könnte, schaffen wir mehr Abhängigkeiten durch konstruierte Wirklichkeitsmodelle. Das nennen
wir dann Fortschritt. Wenn man diesen Zustand in die Zukunft ausdehnt, wird die Sinnlosigkeit
unserer Existenz immer weiter zunehmen. Oder wie Baudrillard es ausdrückt: Wir leben in einer
Kultur der Simulation, in der das Reale durch Zeichen des Realen ersetzt wird. Was dorthin führt,
dass das Reale nicht mehr wahrgenommen wird, sondern nur noch der Schein des Realen.

Alle echten Werte und Bedürfnisse werden nur noch simuliert, weil sie keine reale Referenz
mehr besitzen. Der Logos oder der Sinn der Dinge ist damit verloren gegangen und wird nach
und nach durch eine mechanische, konstruierte Welt ersetzt, in der der Mensch nur noch eine
Funktionseinheit ist, die nichts über sich selbst weiß. Wir entfernen uns immer mehr von uns selbst.
Das ist mit Involution gemeint. Wir vergessen den eigentlichen Sinn unserer Existenz und geben
ihr eine neue Bedeutung, die auf reiner Einbildung und künstlichen Symbolen beruht und keinen
Bezug mehr zur Wirklichkeit hat.

Die Gegenprobe ist relativ einfach. Wir könnten mit all dem Wahnsinn um uns herum sofort
aufhören und ein intelligenteres, sinnvolleres und erfüllteres Leben führen. Aber das funktioniert
nicht in einem technokratischen, komplexen Netzwerk, das immer mehr Abhängigkeiten schafft
und sich dabei selbst nicht mehr hinterfragt. Wir sehen mehr oder weniger ohnmächtig zu wie
diese Zivilisation langsam in ihrem selbst erschaffenen Gefängnis umkommt.

Verblödung nimmt im selben Maße zu, wie der Bezug zur Realität verloren geht.

Gruß
nemo


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